Allmächtiger Staat – Die Fesselung des Bildungslebens

„Menschen bilden bedeutet nicht, ein Gefäß zu füllen, sondern ein Feuer zu entfachen“, schrieb einst der griechische Dichter Aristophanes. Dieses […]

„Menschen bilden bedeutet nicht, ein Gefäß zu füllen, sondern ein Feuer zu entfachen“, schrieb einst der griechische Dichter Aristophanes. Dieses Feuer fürchten die Herrschenden wie der Teufel das Weihwasser. Daher übernahmen sie das Bildungswesen im 18. Jahrhundert von den Kirchen in die Obhut des absolutistischen Staates, um die Gefäße der Jugend Jahr für Jahr mit dem zu füllen, was sie zu gefügigen steuerzahlenden Untertanen des Staates und fleißigen Arbeitssklaven der Wirtschaft formt.

vom Fassadenkratzer

„Der Grundsatz, ´das Kind gehört dem Staat´, den jede totalitäre Staatsform vertritt, war hier bereits vorweggenommen.“  Das Menschenverachtende lag insbesondere darin, dass sich die Sorge nicht auf Wohl und  Gedeihen des Heranwachsenden richtete, sondern auf seine künftige Brauchbarkeit, seine Leistung. „Das Schulwesen stand in erster Linie im Dienste der merkantilistischen Wirtschaftspolitik, der Zwecke des Militärs und der Verwaltung. (…) Die Auswahl der zu fördernden Eigenschaften war von der durch den ´Staat´ geforderten Brauchbarkeit festgelegt.“ 1

Dieses staatliche Schul- und Hochschulsystem hat sich bis heute prinzipiell wenig verändert und den Übergang in die behauptete Demokratie unbeschadet überstanden. Dass die Herrschenden in gewisser Weise gewählt werden, ändert nicht die vertikale, hierarchische Anordnungsstruktur des Systems. Die auf allgemeine Menschenbildung und nicht auf Ausbildung gerichteten Intentionen Wilhelm von Humboldts haben eine Zeitlang eine gewisse positive Wirkung bei vielen engagierten Lehrern und Hochschullehrern entfaltet, sind aber heute auch längst durch staatliche Einwirkungen über Bord geworfen.

In Zusammenarbeit mit übernationalen Organisationen wie EU und OECD verfolgen die Staaten heute das Ziel, dass der junge Mensch nicht mehr im Sinne der christlichen Humanitätsideale Europas zur autonomen, sich selbst bestimmenden Individualität gebildet, sondern zu immer neuer Anpassung an die abstrakten Anforderungen der Wirtschaft befähigt werden soll. Die Fähigkeit und Bereitschaft zur Anpassung gelten als Schlüsselkompetenzen. So heißt es bereits 1961 bei der OECD programmatisch in unmissverständlicher Offenheit: „Heute versteht es sich von selbst, dass auch das Erziehungswesen in den Komplex der Wirtschaft gehört, dass es genauso notwendig ist, Menschen für die Wirtschaft vorzubereiten wie Sachgüter und Maschinen. Das Erziehungswesen steht nun gleichwertig neben Autobahnen, Stahlwerken und Kunstdüngerfabriken.“ Intellektuelle Fähigkeiten gelten als eine Form des wirtschaftlichen Kapitals, das wie ein Spinnrad oder eine Getreidemühle als Produktionsfaktor wirtschaftlichen Ertrag bringt.2

Auch die Hochschulen, die seit Humboldt trotz ihrer staatlichen Einrichtung und Finanzierung eine gewisse innere Unabhängigkeit geltend machen konnten, sind heute durch den Bologna-Prozess zu Instrumenten außerwissenschaftlicher Ziele geworden. Eine Formulierung in der Bologna-Erklärung macht deutlich, dass es darum geht, „die arbeitsmarktrelevanten Qualifikationen der europäischen Bürger ebenso wie die internationale Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Hochschulsystems zu fördern.“ Daraus spricht der ökonomistische Geist der neoliberalen, eng mit der OECD verbundenen EU, denen es grundsätzlich um die Ausrichtung von Wissenschaft und Forschung auf die Interessen und Ziele der profitorientierten kapitalistischen Wirtschaft geht, nicht um unabhängige Wissenschaft und nicht um Bildung.3

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