Russland diskutiert über das Orthodoxe Geldsystem

von F. William Engdahl – Übersetzung: politaia.org In Russland gibt es seit der Verhängung von Finanzsanktionen gegen russische Banken und […]

von F. William EngdahlÜbersetzung: politaia.org

In Russland gibt es seit der Verhängung von Finanzsanktionen gegen russische Banken und Firmen im Jahr 2014 eine wichtige Debatte. Es geht um einen Vorschlag, welche vom Moskauer Patriarchat der Orthodoxen Kirche zur Diskussion gestellt wurde. Der Vorschlag ähnelt in vieler Hinsicht dem islamischen zinslosen Bankenmodell und wurde zuerst im Dezember 2014 auf der Höhe der Rubelkrise und dem freien Fall des Ölpreises vorgestellt. Diesen August erfuhr die Idee einen starken Auftrieb, weil sich die Russische Industrie- und Handelskammer dafür aussprach. Abhängig davon, was nun getan wird und wohin die Angelegenheit in Zukunft führt, könnte sie der Geschichte eine positive Wendung geben.

Während der Jelzin-Ära vor etwa 20 Jahren inmitten des Chaos der russischen Superinflation und der “Schocktherapie” des IWF führte die Russische Orthodoxe Kirche einen ähnlichen Vorschlag für ein zinsloses Bankensystem als Alternative in die Diskussion ein. Während dieser Zeit setzte sich aber eine Horde russischer Freie-Marktwirtschaft-Ökonomen um Jeltsin durch, wie z. B.  Jegor Gaider. Anstelle dessen gaben sie die russischen staatseigenen Vermögenswerte der Plünderung durch westliche Banken, Hedgefonds und Konzerne preis.

Bei meinem ersten Besuch in Russland im Mai 1994 – als ich an einen Vortrag am russischen Wirtschaftsinstitut über die IWF-Schocktherapie hielt – konnte ich höchstpersönlich die gesetzlose Mafia, die Russkaya Mafiya, beobachten, wie sie in ihren hochmodernen Mercedes-600-Limousinen ohne Nummernschilder durch die nahezu leere Tverskaja-Strasse in der Nähe des Roten Platzes raste. Es war eine verheerende Zeit für Russland, wobei Washington und die Technokraten vom IWF genau wussten, was zu tun war, um das Chaos zu fördern.

US-Sanktionen im Fokus

Bis zum Jahre 2015 hat sich viel geändert in Russland. Vor allem die vor zwei Jahrzehnten vorherrschende Affenliebe für alles Amerikanische ist verständlicherweise verschwunden. Die Sanktionen des US-Finanzministeriums wurden 2014 stufenweise gegen spezifische Personen im Umkreis von Präsident Putin und gegen gewisse Banken und Firmen verhängt, die von ausländischen Krediten abhingen. Sie führten zu einem kritischen Überdenken der Situation unter russischen Intellektuellen, Regierungsbeamten und im Kreml selbst.

Die Attacken aus Washington, aus rechtlicher Sicht Kriegsakte gegen eine souveräne Nation, wurden vom Amt für Terrorismus und Finanzaufklärung des US-Finanzministeriums initiiert, der einzigen Finanzbehörde in der Welt mit einem hauseigenen Geheimdienst. Das Amt wurde unter dem Vorwand eingerichtet, Vermögenswerte und Bankkonten von Drogenkartellen und Terroristen aufzuspüren und zu beschlagnahmen, eine Aufgabe, für die das Büro seltsam ungeeignet erscheint, wenn man es nach Gruppen wie ISIS oder Al-Kaida im Irak beurteilt. Umso besser scheint es gegen “unerwünschte” Länder wie Iran und Russland einsetzbar. Das Amt verfügt über Niederlassungen auf der ganze Welt, sogar in Islamabad und Abu Dhabi.

Diese Finanzkrieg-Sanktionen des US-Finanzministeriums und die Aussicht, dass alles noch schlimmer werden könnte, haben in Russland eine tiefschürfende Debatte darüber ausgelöst, wie man die Nation vor weiteren Angriffen schützen könne. Die Verletzlichkeit gegenüber westlichen Sanktionen in ihrem Bankensystem führte Russland und auch China dazu, eine interne Version des SWIFT-Interbanken-Zahlungssystems zu entwickeln. Jetzt aber ist das Wesen des Geldes selbst und seine Kontrolle im Zentrum der Debatte.

Unorthodoxe Vorschläge aus den Reihen der Orthodoxen 

Im Januar 2015 inmitten der Finanzkrise – der Rubel war auf die Hälfte des Wertes gesunken, den er einige Monate zuvor hatte und die Ölpreise waren als Ergebnis des Kerry-Abdullah-Abkommens im freien Fall – brachte das Moskauer Patriarchat die Idee wieder aufs Tablett.

Dmitri Lubomudrov, der Rechtsberater der Orthodoxen Kirche, erzählte den Medien zu der Zeit folgendes: “Wir realisierten, dass wir nicht weiterhin vom westlichen Finanzsystem abhängig sein konnten, sondern unser eigenes entwickeln mussten. Wie das islamische System, wird das orthodoxe Geldsystem nicht nur auf Rechtsstaatlichkeit beruhen, sondern auch auf orthodoxen Moralprinzipien und wird eine Einladung für Geschäftsleute sein, welche Sicherheit im Krisenzeiten suchen.” Unter den Besonderheiten des Systems fallen die zinsfreie Ausgabe von Krediten und das Verbot, in Spielkasinos und solche Aktivitäten zu investieren, die gegen die moralischen Werte der Kirche verstoßen.

Anfang August dieses Jahres erhielt der orthodoxe Plan zur zinsfreien Geldschöpfung einen großen zusätzlichen Schub.  Sergei Katyrin, Chef der Russischen Industrie- und Handelskammer, verkündete nach einem Treffen mit dem für das Projekt zuständigen orthodoxen Kleriker Vsevolod Chaplin, dass “die Industrie- und Handelskammer die Schaffung des orthodoxen Finanzsystems unterstützt … und bereit ist, seine Plattform für eine detaillierte und professionelle Debatte dieser Fragen zusammen mit den relevanten Komitees der Kammer zur Verfügung zu stellen.” Der Vorschlag zielt darauf, die Abhängigkeit Russlands vom westlichen Bankensystem zu verringern, ein essentielles Erfordernis für die Sicherheit der nationalen Wirtschaft.

In etwas so wie das Islamische Bankenmodell, erlaubt dass Orthodoxe Finanzsystem keine Zinszahlungen auf Kredite. Die Teilnehmer am System teilen sich die Risiken, die Profite und die Verluste. Spekulatives Verhalten ist verboten……….

Interessanterweise führte Tartastan, die größte islamische Republik in Russland, kürzlich das Islamische Bankensystem in Russland ein. Dies wurde von German Gref, dem Chef der staatseigenen Sperbank – Russlands größter Bank – positiv begleitet…

Unter Zar Alexander III. und seinem Finanzminister Nikolai Bunge führte Russland Anfang der 1880er Jahre die Bäuerliche Landbank, um zinsfreie Kredite an die befreiten Bauern auszugeben, die 1861 vom seinem Vater Alexander II. aus der Sklaverei befreit und mit Land ausgestattet wurden. Die Landbank investierte in die Modernisierung der russischen Landwirtschaft, wobei die Bauern nur eine kleine Bearbeitungsgebühr für die Kredite bezahlten. Das Resultat war ein spektakulärer Anstieg bei der russischen Getreideproduktion, so dass Russland bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum Brotkorb der Welt wurde……..

Die Vorschläge von Sergei Glasjew

 Die neue Prominenz des Orthodoxen Geldmodells in den russischen Diskussionen kommt zu einer Zeit, in der einer der Wirtschaftsberater Putins, nämlich Sergei Glasjew (ein Mann, der den Präsidenten auch bezüglich der Ukraine und bezüglich der Beziehungen zu den Mitgliedern der Eurasischen Union berät), einen Plan zur  Verbesserung der russischen Nationalökonomie und der finanzielle Sicherheitsstruktur unter der ziemlich sensiblen Annahme vorgestellt hat, dass die Finanzsanktionen und der gegenwärtige militärische Druck aus Washington und seitens der NATO keine seltsamer Zufall sind, sondern auf einer tiefgründigen Strategie beruhen, eine der zwei Nationen zu schwächen und ökonomisch zu ruinieren, welche der globalistischen US-Neuen Weltordnung im Wege stehen.

Sergei Glasjew (2011)

Sergei Glasjew (2011)

Im März 2014, einige Wochen nachdem die Obama-Administration ein Reihe von Sanktionen gegen russische Schlüsselpersonen, Banken und Energiekonzernen eingeführt hatte, welche das Herz der Wirtschaft trafen, wurde Glasjew von der russischen Finanzzeitung Vedemosti interviewed, wobei er eine Anzahl intelligenter Abwehrmaßnahmen vorschlug. Unter diesen waren einige, welche jetzt zur offiziellen Politik gehören, wie der Kredit- und Währungs-Swap mit China, um kritische Importe finanzieren zu können und der Zahlungsausgleich über die nationalen Währungen Rubel und RMB; die Einführung des russischen Interbanken-Zahlungsausgleichssystem (analog zu SWIFT) für Zahlungsvorgänge und Zahlungsausgleichstransaktionen innerhalb der Eurasischen Union und mit anderen Partnerstaaten.

Ein strategischer Vorschlag von Glasjew, der Staat solle alle Exporte von Gold, Edelmetallen und Seltenen Erden stoppen und die Zentralbank solle das Gold ausländischer Minenfirmen aufkaufen, um die Währungsreserven in Gold aufzustocken, wurde unglücklicherweise von Elvira Nabiullina, der Gouverneurin der Zentralbank, abgelehnt, welche in der Duma sagte: “Wir glauben nicht, dass ein Stopp der Goldexporte notwendig ist. Wir können genug Gold kaufen, um unsere Gold- und Devisenreserven diversifizieren zu können.”

Central Bank of Russia governor Elvira Nabiullina.

Central Bank of Russia governor Elvira Nabiullina.

Nabiullina wurde von Mitgliedern der Duma kritisiert, weil sie viel zu langsam beim Aufbau der Goldreserven für den Rubel gewesen sei. Russland ist heute nach China der zweitgrößte Goldproduzent der Welt und China hat in den letzten Jahren fieberhaft daran gearbeitet, die Goldreserven der Bank von China großzügig aufzustocken. Die westlichen Zentralbanken unter Führung der FED haben seit Aufgabe der Golddeckung des Dollars im August 1971 alles getan, – dazu gehören auch dreiste Marktmanipulationen – um vom Aufbau von Goldreserven auf der ganzen Welt abzuraten.
Erst vor kurzem – am 15. September 2015 – schlug Glasjew dem Russischen Sicherheitsrat eine Reihe neuer wirtschaftlicher Maßnahmen vor, um , wie er es ausdrückte, die Verwundbarkeit gegenüber westlichen Sanktionen in den nächsten 5 Jahren zu verringern und Finanzmittel für das langfristige Wachstum und die wirtschaftliche Souveränität aufzubauen.

Unter seinen Vorschlägen war auch der Aufbau eines Staatlichen Komitees für Strategische Planung unter dem Präsidenten der Russischen Föderation, zusammen mit einem Staatlichen Komitee für Wissenschaftliche und Technologische Entwicklung nach einem Modell, welches der Iran in Folge der westlichen Sanktionen während der 1990er Jahre dort einführte.

Die erste Maßnahme, die Einführung eines Komitees für Strategische Planung, erinnert an das sehr erfolgreiche französische nationale Planungsmodell unter  Präsident Charles de Gaulle, welchem zugeschrieben wird, bis Anfang der 1970 er Jahre Frankreich von einer bäuerlich dominierten Wirtschaft in einen fortschrittliche, innovative Industrienation transformiert zu haben.

………….

Der wichtige Unterschied zwischen dem französischen 5-Jahreplans und dem sowjetischen 5-Jahres-Zentralplanungsmodell lag darin, dass das französische Modell Anreize schaffte, während der sowjetische 5-Jahresplan imperativer Natur war. Staatliche und private Firmen konnten frei entscheiden; sie konnten sich auf einen Sektor, wie zum Beispiel Eisenbahnentwicklung, konzentrieren und wussten, dass der Staat ihre Investitionen durch Steueranreize oder Subventionen unterstützen würde, um ihr Risiko zu verringern. Das Modell war sehr erfolgreich bis in die Mitte der 1970er Jahre, als die massiven Ölpreisschocks und die zunehmenden supranationalen Regelungen aus Brüssel es zunehmend schwieriger machten, es umzusetzen.

In dem Entwurf von Glasjew gibt es weitere Besonderheiten, eine der interessantesten wäre der Vorschlag, die Mittel der Zentralbank einzusetzen, um gezielt Kredite für Geschäfte und Industrie zu niedrigen Zinssätzen von 1-4% auszureichen, indem man die Geldmenge um 20 Billionen Rubel über eine Periode von 5 Jahren ausweitet…..

Russland befindet sich in einem faszinierenden Prozess, alle Aspekte seines nationalen ökonomischen Überlebens auf den Prüfstand zu stellen, weil die Realität der westlichen Angriffe es dazu zwingt. Das könnte eine sehr heilsame Transformation weg von dem defekten anglo-amerikanischen Bankenmodell bewirken.

F. William Engdahl is strategic risk consultant and lecturer, he holds a degree in politics from Princeton University and is a best-selling author on oil and geopolitics, exclusively for the online magazine “New Eastern Outlook”.

 

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