Die NATO unterbricht ihre militärischen Projekte gegen Syrien

Die NATO unterbricht ihre militärischen Pläne um einen totalen Wirtschaftskrieg gegen Syrien zu führen von Thierry Meyssan, 12. Dezember 2011 […]

Die NATO unterbricht ihre militärischen Pläne um einen totalen Wirtschaftskrieg gegen Syrien zu führen

von Thierry Meyssan, 12. Dezember 2011
Damascus (Syria)
Nachdem das in Jugoslawien und Libyen erprobte Modell der humanitären Intervention bisher in Syrien nichts gefruchtet hat, ist die NATO nun gezwungen, ihren Plan für Syrien abzuändern. Man setzt nun auf die Irak-Strategie: Das Land auf Kosten der Bevölkerung zu boykottieren und es damit für den nächsten Angriff zu schwächen.

Die NATO ist dabei, ihre Strategie zu korrigieren. Nach acht Monaten Krieg auf Sparflamme und trotz des Eindringens zahlreicher Kämpfer aus Arabien und Afghanistan gelang es nicht, die syrische Gesellschaft zu spalten. Sicherlich fanden einige konfessionelle Konfrontationen in Deraa, Banyas und Homs statt, aber sie haben sich weder ausgebreitet noch dauern sie an. Für die Allianz ist es mittlerweile keine realistische Lösung mehr, kurzfistig einen Bürgerkrieg vom Zaun brechen, der eine „humanitäre, internationale Operation“ rechtfertigt.

Dies Einsicht kommt zu einer Zeit, in der sich die Militärkoalition in einer schweren Krise befindet. Im Krieg gegen Libyen wurde die Initiative von Frankreich und Großbritannien übernommen. Jedoch zeigte sich, dass die beiden europäischen Schwergewichte unfähig waren, die dafür nötigen Mittel aufzubringen. Tatsächlich wurden drei Viertel der Kriegslasten und der finanziellen Mittel vom Pentagon übernommen. Vor allem der Mangel an adäquaten Kriegsmaterial hätte zu einem Desaster führen können, wenn Libyen die Schiffe und die Hubschrauber der Allianz angegriffen hätte [1]. Im Falle Syriens ist das Problem aber noch viel größer, da die Bevölkerung des Landes viermal so groß ist, wie die Libyens und die Armee durch die vorangegangenen Kriege kampferprobt ist.

Es wurde daher beschlossen, das französisch-britische Tandem zu stärken, indem man ihm Deutschland hinzufügte. Ein Dreiländer-Abkommen hätte am 2. Dezember anlässlich des etwas verspäteten Jahrestages des Lancaster-House-Abkommens [2] verhandelt werden sollen, an dem die Organisation der gemeinsamen französisch-britannischen Exoeditionskräfte verabredet und das Schicksal Libyens beschlossen wurde [3]. Dieser Gipfel wurde nun abgesagt. Mitten in der westlichen Wirtschaftskrise will Berlin keine Kriegslasten tragen, ohne jegliche Zusicherung, daraus später Gewinn erzielen zu können.

Die deutsche Budget-Nüchternheit hat die epischen Träume des Militärisch-industriellen Komplexes der USA und Israels zerstört. Der Rücktritt von Robert Gates und der Aufstieg von Hillary Clinton haben die Wiederkehr des Plans zur  „Neuordnung des Nahen und Mittleren Ostens” (sowie seiner Ausweitung auf Nordafrika) auf der politische Weltbühne signalisiert . Diese von den imperialen Gedanken von Leo Strauss stammende Doktrin entpuppt sich als eine unendliche Flucht nach vorne, in der Krieg zum Selbstzweck wird. Der Plan ist der Kriegswirtschaft der USA vollkommen angepasst, steht aber in völligem Gegensatz zur deutschen friedensbasierten Wirtschaft.

Der konventionelle Kriegsplan gegen Syrien wirft zahlreiche wirtschaftliche Fragen auf. Keine europäische Nation wird kurz- oder mittelfristig einen Gewinn daraus ziehen, viele jedoch könnten damit verlieren. Im Fall Libyens strichen britische und französische Geschäftsleute sofort Dividenden ein, indem sie vorteilshafte neue Erdölverträge ausgehandelten; die Türken und Italiener aber mussten in die Röhre schauen, da sie fast alle ihre Märkte in ihrer alten Kolonie verloren haben.

Nachdem die NATO nun die Bildung einer  ad hoc Militärkoalition vorerst verschoben hat, zieht sie sich auf einen Wirtschaftskrieg zurück. Sie will Syrien belagern, es von jeglichen Handelsmöglichkeiten abschließen, sei es Import oder Export und seine Produktionskapazitäten sabotieren. Unter dem schön klingenden Ausdruck „Sanktionen“ haben die Allianzmächte und ihre Vasallen der Arabischen Liga schon einen Bankenboykott beschlossen, der jeglichen Warenhandel unterbindet. Sie konzentrieren sich jetzt darauf, die Verbindungswege abzuschneiden – besonders den Luftverkehr – und organisieren den Rückzug der multinationalen Öl-Firmen. Nach Shell und Total zieht jetzt Petro-Canada ab, nicht ohne das Elektrizitätwerk der Stadt Homs stillzulegen.

Besondere Erwähnung verdient dabei die Tatsache, dass der erste große Sabotageakt in Syrien gegen die Pipeline gerichtet war, die genau das o. a. Elektrizitätswerk versorgt. So stellte man sicher, dass die Anlage nach dem Abzug der kanadischen Ingenieure nicht wieder in Betrieb genommen werden kann…..

Bis jetzt bemerkt man in Syrien keine Versorgungsmängel, abgesehen von Heizöl und Elektrizität. Um dem Boykottdruck auszuweichen, werden von Damaskus neue Handelsverbindungen mit Peking aufgebaut. Das Bankembargo erfordert einen Tauschhandel, wie ihn China schon mit dem Iran betreibt. Dieses System sollte Syrien in die Lage versetzen, seine Wirtschaft zu retten, sieht man von dem Touristensektor einmal ab, der schon seit geraumer Zeit stark mitgenommen ist.

Wie dem auch sei, die Blockade Syriens hat schon zahlreiche wirtschaftliche Opfer in der Türkei gekostet. Die Kündigung des Freihandelsabkommens und die Einführung hoher  Zölle haben die Grenzbezirke bereits ruiniert. Wenn auch die Syrier bereit sind, für die Rettung ihrer Heimat Entbehrungen in Kauf zu nehmen, so heißt das noch lange nicht, dass die Türken dasselbe Schicksal für die Ambitionen der NATO erleiden wollen.

Weiterhin hat die strategische Umorientierung den Syrischen Nationalrat in eine heikle Situation gebracht. Die Politiker, die gewaltfreie Aktionen befürworten, wie sie in den farbigen  Revolutionen nach Gene Sharp [4] eingesetzt wurden, sind nun gezwungen, die von den Kämpfern der freien syrischen Armee zugegebenen Sabotagen zu billigen. Der Konflikt wird insofern verschärft, als beide Gruppen in Istanbul ihr Lager haben und eigentlich Hand in Hand arbeiten sollten.

Die Aussetzung des internationalen militärischen Interventionsplans ist durch die Rückkehr der Botschafter der USA, Frankreichs und Deutschlands nach Damaskus bezeugt. Sie zieht eine Änderung der Medienkampagne nach sich. Die angelsächsischen Medien haben nun schon die ungeheuerlichsten Anschuldigungen gegen Bachar el-Assad eingestellt, wie zum Beispiel den Vorwurf , er lasse Kinder foltern. Das State Departement selbst beschreibt den syrischen Präsidenten nicht mehr wie ein Monster, sondern wie einen Mann „der von der Realität abgekommen ist“ (sic) [5]. Sein Fall ist nun nicht mehr so eilig. Im Übrigen erfordert die Aufdeckung der syrischen Wirklichkeit durch verschiedene Journalisten eine Distanzierung von dem seit acht Monaten geförderten Propagandabild [6]. Man braucht eine Pause.

[1] “Accidental Heroes. Britain, France and the Libya Operation,” by Michael Clarke, Malcolm Chalmers, Jonathan Eyal, Shashank Joshi, Mark Phillips, Elizabeth Quintana and Lee Willett, Royal United Services Institute (RUSI), Octtobeer 2011, 13 p, 1,4 Mo.

[2] “Déclaration franco-britannique sur la coopération de défense et de sécurité », Réseau Voltaire, 2 November 2010.

[3] “’Operation Odyssey Dawn’ breaking for Washington”, by Thierry Meyssan, Voltaire Network, 20 March 2011.

[4] “The Albert Einstein Institution: non-violence according to the CIA”, by Thierry Meyssan, Voltaire Network, 4 January 2005.

[5] Daily Press Briefing,” U.S. Department of State, 6 December 2011.

[6] Запад и ближневосточные монархии жаждут сожрать Сирию,” by Thierry Meyssan, Komsomolskaia Pravda, 29 November 2011.

Quelle:

http://www.voltairenet.org/Die-NATO-unterbricht-ihre

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