Sprache als Waffe – Lügenpresse gegen Verschwörungstheoretiker

Wussten Sie schon, dass die Goebbels-Propaganda damals als „braune Lügenpresse” bezeichnet wurde und „Du bist Deutschland” eine nationalsozialistische Kampagne war? […]

Wussten Sie schon, dass die Goebbels-Propaganda damals als „braune Lügenpresse” bezeichnet wurde und „Du bist Deutschland” eine nationalsozialistische Kampagne war? Und wie kommt es, dass viele Menschen unbewusst den Eindruck haben, Verschwörungstheoretiker würden bei geheimen Absprachen mitwirken, um Anderen zu schaden?

Wo Sprache als Waffe eingesetzt wird, lohnt sich ein genauerer Blick auf die Wirkung der Kampfbegriffe. Ist Lügenpresse ein Unwort oder eine berechtigte Gegenwehr? Ist Verschwörungstheoretiker eine zutreffende Bezeichnung für misstrauische Menschen, die einfach nur Transparenz fordern?

Der Begriff Verschwörungstheoretiker wird im Vergleich zur vordergründigen Bedeutung subtil oft völlig entgegengesetzt wahrgenommen und schlicht mit dem Begriff Verschwörer verwechselt, wie z.B. aus solchen Freud‘schen Fehlleistungen hier hervorgeht:

Das heißt also, laut Focus sind z.B. die Verschwörer nicht diejenigen, die möglicherweise die Goldtresore – im Rahmen einer Verschwörung – geleert haben, wie es sogenannte Verschwörungstheoretiker vermuten, sondern es ist genau umgekehrt: Diejenigen, die Transparenz fordern – und denen man eine Überprüfung verweigert – werden als Verschwörer bezeichnet. Unter anderem bei Wikipedia ist es z.B. gängig, organisierte Gegner von Verschwörungen sogar als „Verschwörungsbewegung“ zu bezeichnen. Das ist natürlich in etwa genauso absurd, als würde man z.B. organisierte Kriegsgegner als „Kriegsbewegung“ darstellen. Auch das ist eine Verdrehung um 180 Grad. Beim Spiegel verbreitet man die Ansicht, dass Xavier Naidoo sich an eine „Verschwörer-Klientel“ richten würde. Und bei n-tv glaubt man sogar an eine „Verschwörung für den Frieden“ im Rahmen von „Verschwörer-Mahnwachen“. Ja, offensichtlich gibt es gewisse Ängste vor Verschwörungen – und den Theoretikern, die daran beteiligt sind. Die genannten Beispiele und viele mehr deuten auf eine große Verbreitung dieser Sprachinterpretation hin.

Es geht also um die Frage: Sind sogenannte „Verschwörungstheoretiker“ an Verschwörungen als Theoretiker beteiligt? Es gibt ja z.B. auch Versicherungsmathematiker, die bei Versicherungen als Mathematiker mitarbeiten. Dieses Wort wird genauso gebildet. Allein aus diesem Grund könnte man den Begriff „Verschwörungstheoretiker“ eigentlich schon zum „Unwort des Jahres“ wählen. Einen entsprechenden Vorschlag hatte ich eingereicht: www.wissensmanufaktur.net/media/pdf/Unwort-des-Jahres-2014-Verschwoerungstheoretiker.pdf. Ernannt wurde dann aber das sprachwissenschaftlich triviale Wort „Lügenpresse“, unter anderem weil es angeblich den Nationalsozialisten zuzuordnen ist: www.unwortdesjahres.net/fileadmin/unwort/download/pressemitteilung_unwort2014.pdf.

Auf welch dünnes Eis sich die Sprachwissenschaftler und Journalisten der selbsternannten Jury damit aber begeben, ergibt ein Vergleich z.B. mit der Kampagne: „Du bist Deutschland“, für die offensichtlich andere Maßstäbe gelten. Denn wer damit schon 1935 unterwegs war, wird nicht groß aufgebauscht, wahrscheinlich weil dieser Slogan ja heute von den Guten benutzt wird. Und für die veröffentlicht man als linientreuer Wissenschaftler oder Journalist natürlich keine Nazivergleiche.

Du bist Deutschland und Lügenpresse

Ganz im Gegensatz zu den Demonstranten, also den Bösen, die heute „Lügenpresse“ rufen. Da konstruiert man eine künstliche Assoziation mit den Nationalsozialisten, die den Begriff zwar auch verwendeten, aber eher am Rande. Dafür dass der damalige Hauptverantwortliche den Begriff „Lügenpresse“ jemals benutzt hätte, z.B. in „Mein Kampf“ oder in einer Rede – vielleicht bei einer „Du-bist-Deutschland“-Veranstaltung – gibt es bislang keinen einzigen Beleg. Davon abgesehen kann heutzutage jeder leicht z.B. mit Hilfe von Google ermitteln, dass der Begriff Lügenpresse so alt ist, wie die Presse selbst, denn immer wenn abhängige Journalisten – auf Weisung ihrer Geldgeber, oder des jeweiligen Regimes – Lügen verbreiten, liegt das einfache deutsche Wort Lügenpresse eben auf der Hand. Im oben abgebildeten Diagramm sieht man, dass der Begriff besonders häufig in kriegerischen Zeiten verwendet wird, also dann, wenn die Lügenpresse der jeweiligen Regimes besonders aktiv ist, um ihre Völker gegeneinander aufzuhetzen. Aktuell erleben das am Beispiel Russland. Wer aber jeweils den Begriff verwendete, geht aus dieser Grafik leider nicht hervor. Es gab auch Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime, die die gleichgeschaltete Goebbels-Propaganda z.B. als „braune Lügenpresse“ bezeichneten:

Braune Lügenpresse

Zum Beispiel die Redakteure des „Neuer Vorwärts“ Curt Geyer und Friedrich Stampfer versuchten unter erheblichen persönlichen Risiken, den Lügen der Nazipresse mit dem Kampfbegriff „Lügenpresse“ etwas entgegenzusetzen. Damals gab es allerdings die Unwort-Jury noch nicht, um das Unwort des Jahres 1938 festzulegen. Aber heute ist das schon ein Schlag ins Gesicht der damaligen Regimekritiker. Zur Verteidigung der Unwort-Jury werden manche jetzt wahrscheinlich sagen, dass die nur vier Sprachwissenschaftler und zwei Journalisten, die sich dazu ernannt haben, schließlich nicht alles überprüfen konnten: z.B. den Suchbegriff „Lügenpresse“ mal in den Katalog der Deutschen Nationalbibliothek einzugeben (portal.dnb.de/opac.htm?query=Lügenpresse), wo einem auf den ersten Blick diese Beispiele hier entgegenspringen. Das sollte eigentlich eine der ersten Quellen sein, die man als Sprachwissenschaftler ansteuert, anders hätte man auch kaum die anderen Verwendungen fundiert ermitteln können. Aber vielleicht haben sie es ja gemacht aber dachten sich: „Was soll‘s? Wenn ein paar Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime postum angegriffen werden, dann ist das ja nur ein kleiner Kollateralschaden bei dem wichtigen Kampf gegen die Medienkritik – und über dieses Detail werden unsere Freunde von der Wahrheitspresse ja ohnehin nicht berichten.“ Ja, damit werden sie leider Recht haben. Aber die heutigen Regimekritiker nutzen ja das Internet und können z.B. diesen Aufsatz hier, den es auch als Video gibt, (http://youtu.be/PaX9sLsrMA4) per Youtube, in den Blogs, in den sozialen Netzen usw. verbreiten. Danach wird man sehen, welche Verbreitung dann auch so möglich ist.

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht gibt das triviale Wort „Lügenpresse“ wenig her, und es wurde 2014 auch nur im Rahmen einiger Demonstration verwendet. Im Vergleich dazu spielt das Wort Verschwörungstheoretiker in einer ganz anderen Liga. Hier geht es darum, dass eine breite Medienlandschaft, diesen Begriff zur Diffamierung und Ausgrenzung alternativer Meinungen einsetzt. Aus den rund 400.000 Google-Treffern, die mittlerweile unter diesem Suchbegriff gefunden werden, soll die folgende Auswahl einiger aktueller Beispiele aufzeigen, zu welchen Anlässen dieser Begriff unter anderem derzeit gebraucht wird:

Der Begriff Verschwörungstheoretiker erscheint auffallend häufig in Verbindung mit Wörtern wie Wirrköpfe, Neurechte, Rassisten, Pöbler, Antisemiten, Pegida, Hogesa, NPD, AfD, Reichsbürger, Linke und Neonazis, und so weiter. Durch solche Verknüpfungen, die vielfach wiederholt werden, entstehen entsprechende Assoziationen mit diesem Begriff – würden Sprachwissenschaftler normalerweise sagen, wenn sie nicht gerade die angelaufene Kampagne gegen die Medienkritik unterstützen würden.

Wer heute die Kritiker von Medien und Politik durch den Kampfbegriff „Verschwörungstheoretiker“ (und den damit verbundenen Assoziationen) ins Abseits drängt, der sollte einmal in einer ruhigen Minute darüber nachdenken, welche Aufgabe er wohl im Mittelalter übernommen hätte, als man Andersdenkende als „Ketzer“ verurteilte, also Abtrünnige, die nicht an das herrschende Weltbild glauben, welches heute so aussieht, dass alle, die irgendwie an Macht gelangt sind, dies aus reiner Gutmütigkeit geschafft haben und niemals gemeime Absprachen treffen. In einigen dieser Beispiele vermuten die Autoren sogar eine Art „Verschwörung der Verschwörungstheoretiker“, womit sie sich – ihrem eigenen Sprachgebrauch entsprechend – eigentlich selbst als „Verschwörungstheoretiker“ bezeichnen müssten. Damit setzen sie der sprachlichen Verwirrung um dieses Schlagwort noch das i-Tüpfelchen auf.

Aber der Hauptgrund für die negative Konnotation des Begriffs Verschwörungstheoretiker liegt wohl in der mehrdeutigen Wortbildung. Natürlich stehen viele Betroffene gerne zu dem, was sogenannte Verschwörungstheoretiker tatsächlich machen, nämlich die Arbeit von investigativen Journalisten, die regimekritisch, wachsam und skeptisch sind. So weit, so gut, aber dafür ist Verschwörungstheoretiker das falsche Wort. Es setzt sich zusammen aus Verschwörung und Theoretiker:

  • Eine Verschwörung ist eine geheime Absprache, i.d.R. mit dem Ziel, anderen zu schaden. Heimlichtuerei löst Unbehagen aus. Jeder kennt das unangenehme Gefühl, wenn z.B. Arbeitskollegen oder Freunde tuscheln, irgendetwas vor einem verheimlichen, etwas aushecken. Dementsprechend ist das Wort negativ besetzt und gibt es kaum Gruppen, die sich selbst so bezeichnen.
  • Ein Theoretiker kann ein Denker bzw. Kopfarbeiter sein aber auch jemand, der zwar etwas von der Theorie versteht, aber wenig von der Praxis. Daraus resultiert, dass das Wort neutral bis negativ besetzt ist. Theoretiker werden aber grundsätzlich nicht als Gegner der Sache wahrgenommen, mit der sie sich beschäftigen, sondern als jemand, der etwas damit zu tun hat oder daran beteiligt ist. Ein Kriegstheoretiker hat mit Krieg zu tun, ein Friedenstheoretiker mit Frieden usw. Wie diese Manipulation genau funktioniert, erkläre ich in diesem Vortrag: www.wissensmanufaktur.net/so-werden-sie-manipuliert.

Nimmt man all das zusammen, dann ergibt sich folgende Definition: „Verschwörungstheoretiker arbeiten als Denker bei geheimen Absprachen mit, die das Ziel haben, anderen zu schaden.“ Wenn man Aufklärer so bezeichnet, dann werden sie subtil als Täter wahrgenommen. So wirkt Sprache als Waffe. Viele Beispiele (siehe erste Liste) bestätigen die Auswirkungen dieser irreführenden Kommunikation.

Aktuell erleben die Mainstream-Medien einen noch nie dagewesenen Glaubwürdigkeitsverlust und somit einen Kontrollverlust über die veröffentlichte Meinung. Im Internet werden immer mehr von ihren Falschberichten und Methoden der Manipulationen öffentlich durchleuchtet. Diese Medienkontrolle durch Transparenz, hat zu einer massiven Medienkritik durch vernetzte Regimekritiker geführt, die seit 2014 auch auf der Straße sichtbar ist. Die Medienbesitzer haben das inzwischen natürlich ebenfalls erkannt – wenn auch reichlich spät. Aber wer erwartet hat, dass sie sich nun einfach ändern und von jetzt an nur noch nach bestem Wissen und Gewissen objektiv berichten würden, der wird leider enttäuscht, wie man an der Reaktion auf einige aktuelle Ereignisse ablesen kann. Das Jahr 2015 begann mit einer breit angelegten Kampagne gegen die Medienkritik. Wer nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo noch die Medien kritisiert, geht nun das Risiko ein, in die Nähe potentieller Mörder gerückt zu werden, zumindest subtil. Und dank der Unwort-Kampagne kam auch noch die Nazikeule hinzu. Insgesamt wird also jetzt für Medienkritiker ein sehr unangenehmes Image aufgebaut. Ob die nun angelaufene Kampagne zur Ächtung der Medienkritik aufgehen wird oder sich als Eigentor erweist, hängt davon ab, wie die Regimekritiker darauf reagieren und ob sie die Entwicklung zur vernetzten, medienkritischen Informationskultur vorantreiben können.

Ein wichtiger Beitrag dafür ist die Erkenntnis, wie Sprache als Waffe wirken kann. Den Begriff Lügenpresse sollte man sich jedenfalls nicht verbieten lassen. Dass er im Widerstand gegen den Nationalsozialismus verwendet wurde, dürfte als Referenz genügen – und ansonsten kann man ja noch auf „Du bist Deutschland“ hinweisen. Aber mit „Verschwörungstheoretiker“, diesem negativ konnotierten, völlig verwirrenden Begriff sollte man sich nicht mehr bezeichnen lassen oder gar selbst bezeichnen, wenn man ja eigentlich nur Transparenz fordert und sich als Regimekritiker sieht, wobei mit Regime natürlich nicht die Regierung gemeint ist, sondern diejenigen, die entscheiden. Horst Seehofer brachte das am besten auf den Punkt, als er sagte, „Diejenigen, die entscheiden, sind nicht gewählt – und diejenigen, die gewählt werden, haben nichts zu entscheiden.“

Vielen Dank an alle, die unsere Arbeiten so kräftig unterstützen. Dieses Mal möchten wir besonders darum bitten, das zugehörige Video (http://youtu.be/PaX9sLsrMA4) per Youtube, in den Blogs, in den sozialen Netzwerken usw. zu teilen, damit sich in Bezug auf Unwörter auch die Informationen verbreiten, die im Mainstream verschwiegen werden.
Ihr Rico Albrecht, Februar 2015
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Quelle: http://www.wissensmanufaktur.net/luegenpresse-gegen-verschwoerungstheoretiker

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