Jürgen Todenhöfer: Held oder Heuchler?

Jürgen Todenhöfer ist beliebt – 14. Januar 2016 Beliebt bei Muslimen und Nichtmuslimen, bei den Gegnern des Imperialismus und bei […]

Jürgen Todenhöfer ist beliebt – 14. Januar 2016

Beliebt bei Muslimen und Nichtmuslimen, bei den Gegnern des Imperialismus und bei imperialistischen Medien, gern gesehen in Gaza, bei den Israelis und den IS-Terroristen, Vertrauter Irans und Bewunderer der USA.
Jürgen Todenhöfer ist Feind der antiimperialistischen Befreiungsbewegungen in Südamerika, Feind der Sowjetunion, Feind der US-Regierung nach 2001 und Feind der IS-Terroristen.
Wer ist Jürgen Todenhöfer? Muslime kennen Todenhöfer spätestens seit seinem Gaza-Besuch im Sommer 2014, damals war er 73 Jahre alt. Was für ein Leben hat er bis dahin gelebt, welche Positionen hat er vertreten? Die meisten seiner Verehrer wissen darüber nichts. Wüssten sie es, verehrten sie ihn nicht mehr. Nichts des Folgenden ist geheim, alles ist im Internet gut dokumentiert und lässt sich schnell finden. Todenhöfer trat 1970 in die CDU ein, zwei Jahre später wurde er schon Bundestagsabgeordneter. Er galt als Hardliner innerhalb der CDU, Mitglied der sog. „Stahlhelm-Fraktion“, die sich für Militäraktionen der westlichen Welt einsetzte, auch mit deutscher Beteiligung. Damals war dies eine Randposition im Bundestag, nur vertreten von Radikalen – heute ist es die Mehrheitsmeinung der Abgeordneten.
Todenhöfer war damals ein Imperialist wie aus dem Bilderbuch: Er attackierte die Agenda der neuen Regierung in Chile als „sozialistisches Experiment“. Ihr 1970 vom Volk gewählter Präsident, Salvador Allende, verfolgte ein Regierungsprogramm, welches den US-Imperialismus in Chile zurückdrängen sollte. Das gefiel den USA genauso wenig wie Todenhöfer: 1973 inszenierte die CIA einen Putsch in Chile, ließ Allende liquidieren und ersetzte ihn durch den US-hörigen Militärdiktator Augusto Pinochet, welcher die Chilenen die nächsten 17 Jahre terrorisieren sollte.
Welcher Bundestagsabgeordnete setzte sich sofort massiv für die finanzielle Unterstützung dieser Diktatur ein, welche er zuvor der demokratisch gewählten Regierung versagt hatte? Genau: Jürgen Todenhöfer.
Afghanistan 1980: Stellvertreterkrieg der USA gegen die Sowjetunion. Die USA bauten eine Widerstandsbewegung (oder Terrorgruppe, je nach Perspektive) in Afghanistan auf, welche die sowjetischen Besatzer bekämpfen sollte. Damals nannte man sie „Mudschahidien“ (von „Dschihad“) , heute nennt man sie „Taliban“. Welcher Bundestagsabgeordnete besuchte mehrfach die Taliban, pries sie im deutschen Fernsehen als Helden Afghanistans an und nahm sogar persönlich als Kameramann an einem Angriff der Taliban auf einen sowjetischen Militärstützpunkt teil? Richtig: Todenhöfer.
Die USA liebten ihn dafür, ernannten Todenhöfer zum „Ehrenoberst der US-Army“, wie er noch heute stolz berichtet.
Ab 1987 arbeitete Todenhöfer im Medienkonzern „Hubert Burda Media“, einem der größten Medienkonzerne Deutschlands. Inhaber Hubert Burda, Milliardär, ist sein Jugendfreund. Burda gehören „Bunte“, „Focus“ „TV-Spielfilm“, „Freundin“, „Playboy“ und etliche weitere Zeitschriften, sowie zahlreiche Beteiligungen an Fernseh- und Radiosendern. Todenhöfer arbeitete also in einer Hochburg der imperialistischen Politik- und Kulturpropaganda, sogar als ihr stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Während er sich 1990 aus der Parteipolitik zurückzog, behielt er seinen Posten im Vorstand des Burda-Konzerns bis 2008.
Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 schien sich Todenhöfer um 180 Grad zu drehen: Er kritisierte die US-Invasionen in Afghanistan und im Irak mit harten Worten, schrieb mehrere Bücher über beide Kriege. Er sprach sich für einige Atom-Einigung mit dem Iran aus und riet zu Verhandlungen mit Assad im Syrienkrieg, entgegen der offiziellen westlichen Politik, Assad stürzen zu wollen.
Im Juli 2014 reiste er nach Gaza, berichtete bewegend vom Leid der Palästinenser und den israelischen Raketenangriffen, ließ sich in Trümmern ablichten. Ende desselben Jahres besuchte er die IS-Terroristen im Nordirak, in Begleitung deutscher IS-Mitglieder, mit denen er Video-Interviews aufzeichnete. Er berichtete von den Grausamkeiten des IS, dass dieser mit dem Islam nichts zu tun habe, sogar davon, dass er ein Produkt der Irakinvasion der Bush-Regierung sei. Sein Buch über diese Reise zum IS ist sein berühmtestes überhaupt, wochenlang fehlte er in keiner Talkshow, wurde in jedem Medium des Imperialismus interviewt, war der Star der geduldeten und sogar hofierten Westkritik. Auch viele Muslime feierten ihn als Deutschen, der endlich die Wahrheit sprach, geradezu als Helden.
Auch ohne mich mit Todenhöfer beschäftigt zu haben, hatte ich von Anfang an meine Zweifel: Warum wird ein so westkritischer, anti-imperialistischer Aktivist und Autor von jedem imperialistischen Massenmedium in Deutschland umworben?
Diese Mächte machen nur jene Kritiker bekannt, die ihnen genehm sind, die schlussendlich für den Imperialismus arbeiten, ob sie es nun selbst wissen oder nicht. Und wie arbeitet Todenhöfer für den Imperialismus? Mindestens durch zwei seiner immer wieder propagierten Meinungen: erstens der Zweistaatenlösung als einzigen Friedensweg für Palästina, und zweitens, wichtiger noch, dem angeblichen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten als Nährboden aller Terroristen in der islamischen Welt.
Beide Parolen gehören seit Jahrzehnten der imperialistischen Propaganda an, wurden zuletzt in immer offensiverer Weise vertreten. Todenhöfer selbst verbreitet die Ansicht, dass die Schiiten, seit der Absetzung von Saddam Hussein, die Sunniten im Irak unterdrücken und deswegen unweigerlich der IS entstanden sei – was für eine Beleidigung der Sunniten.
Der Imperialismus braucht seine Kritiker, und zwar genehme Kritiker, die scharf genug kritisieren, um als solche im Volk anerkannt zu werden und den Volkszorn zu kanalisieren, aber genehm genug, um seine Methoden nicht systematisch offenzulegen. Diese Kritiker sind keine Gefahr für den Imperialismus, sondern Kabarettisten in der Verkleidung politischer Aktivisten: Narren am Königshof, die mit scharfer aber dressierter Zunge kritisieren dürfen und geliebt werden, solange sie ein gewisses Maß halten und ihre Funktion erfüllen. Oder weniger appetitlich: ein Furz, der den Blähbauch des Systems entlastet, bevor dieser platzt.
Todenhöfer scheint mir ein solcher Kritiker zu sein. Und angesichts seiner Vorgeschichte, seiner früheren Überzeugungen und seiner Arbeit in einem der größten Medienorgane Deutschlands, kann ich mir nur schwerlich vorstellen, dass er dies nicht genau weiß. Ob er deswegen ein Heuchler ist? Ich maße mir nicht an, dies zu beurteilen. Vielleicht denkt er, trotz seiner Rolle als genehmer Kritiker, etwas für das Gute zu bewirken. Ein Held ist er jedenfalls nicht.
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Autor: Huseyin Özoguz
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