SYRIEN: ASSAD HÄLT ABSCHIEDSREDE – von Christoph R. Hörstel

Mehrfach schon hat der persönlich hoch sympathisch und kultiviert wirkende syrische Staatspräsident in öffentlichen Stellungnahmen bewiesen, dass er mit Mechanismen […]
Mehrfach schon hat der persönlich hoch sympathisch und kultiviert wirkende syrische Staatspräsident in öffentlichen Stellungnahmen bewiesen, dass er mit Mechanismen und Realität in der Politik im Allgemeinen und in seinem Land im Besonderen nicht auf vertrautem Fuße steht.
Damit mich niemand missversteht: Assads politischer Standpunkt, wie er ihn heue in öffentlicher Rede in Damaskus kundtat, ist absolut korrekt, nämlich: Mit Terroristen kann es keine Verhandlungen geben – und bevor verschiedene Staaten nicht aufhören, diese Mörder in jeder nur denkbaren Weise zu unterstützen, wird kein Friede möglich sein – und keine Konferenz dafür.
Problem: Assad hat heute, ebenso wie seine Unterstützer in Teheran, Moskau und Peking, rein gar nichts in der Hand, um Druck auf seine Gegner auszuüben. Er hat bisher, ebenso wie diese drei, alle Möglichkeiten ausgeschlagen, sich solche Druckmöglichkeiten zu verschaffen. Jetzt ist es für Syrien zu spät – aber noch nicht für Iran und Russland.
Hintergrund dafür: Die USA, einzelne Nato-Staaten wie Großbritannien und vor allem Frankreich und Türkei sowie die Jordanien und die Staaten des Golfkooperationsrates (GCC) führen längst einen unerklärten Krieg “unter dem Tisch” gegen Syrien, den sie zunehmend mit regulären Militäreinheiten und “auf dem Tisch” ausweiten. Dabei haben diese kriminellen Regierungen darauf geachtet, dass sie zu allen Zeiten genügend Argumente auf ihrer Seite haben, um ihre Terrorpolitik notfalls mit der “UN-Ermächtigungsdoktrin” der “Schutzverantwortung” (“R2P“) zu untermauern.
So verwundert die harsche Reaktion des Westes nicht: Assad solle zurücktreten und seine Armee in die Kasernen zurückziehen. So realitätsfern DAS auch ist, weil nur eine Regierung von Selbstmördern vor Terrortruppen einknickt: Der militärisch UND propagandistisch weltweit überlegene Westen wird seine Terrorpolitik durchziehen – und Syrien langsam erwürgen: Syriens Städte in Schutt und Asche legen, die Menschen untereinander entzweien, die Wirtschaft lahmlegen, die Verwaltung von innen und außen zerstören, ja, die Verwaltungsfähigkeit auszulöschen, so dass den Überlebenden nur Chaos bleibt, ganz wie in Libyen.
Unter diesen Umständen sieht die heutige Assad-Rede fast wie eine Trotzreaktion aus, mutig wie sie ist, mutig und opferbereit wie das syrische Volk ist. So geht Politik nicht.
Russland hat vor ein paar Tagen eine ähnlich gelagerte höllische Schlappe kassiert: Moskau hatte die Opposition zum Gespräch geladen, doch der westlich/GCC-ausgerichtete Teil sagte ab und erschien gar nicht erst. Peinlich aber wahr: Russland hat gar nichts zu bieten, um diese Opposition zu beeindrucken: weder Druckmittel noch Lockmittel.
Wer aber vor aller Augen mit dem Fahrrad unterwegs ist, sollte nicht zum Autorennen einladen, auch wenn die Autobesitzer ihre Konten weit überzogen haben.
Eine persönliche Erinnerung darf ich hier beisteuern: Nachdem ich auf 1001 Kanälen der syrischen Verwaltung eingerieben hatte, dass sie ohne PR-Arbeit im Westen nix bestellen kann, trat Mitte Mai 2012 ein genervter Assad vor den russischen TV-Sender “Rossija 24” und erklärte, wichtig sei nicht, was in den Medien stehe, sondern was am Boden tatsächlich passiere. Ich dachte ich sei im Kindergarten gelandet.
Keine 14 Tage später massakrierten die Terroristen einige Großfamilien aus den Kreisen der Assad-Unterstützer im Gebiet al-Houla – aber die korrupten anti-Assad-Medien schrieen im Chor, Assad massakriere sein eigenes Volk. SCHMIERGEL behauptet das bis heute, entgegen der auch offiziell anerkannten Realität. Und 48 Stunden später gab’s schon eine Verurteilung im Sicherheitsrat – MIT DEN STIMMEN RUSSLANDS UND CHINAS!
Und weitere 48 Stunden später wiesen die Nato-Staaten und manche andere die syrischen Botschafter aus, Deutschland selbstverständlich auch.
Ich schrieb erneut nach Damaskus und fragte nach, auch in Moskau und Teheran: Was ist jetzt wichtig: die Ereignisse auf dem Boden oder die propagandistische Lufthoheit im Westen? Was passiert, wenn ein Staat die internationale Deutungshoheit über die Ereignisse im eigenen Staatsgebiet verliert? Nun: Er geht politisch unter, säuft ab, wird Beute der Lügner mit der größeren Lautstärke, wenn diese militärisch überlegen sind und ihre Macht einsetzen.
Christoph R. Hörstel
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