Zwang England Hitler zum Angriff gegen Polen?

vom Fassadenkratzer Den Angriff Hitlers auf Polen am 1. 9. 1939 als „Überfall“ zu bezeichnen, ist gängiges Vokabular der offiziellen […]

vom Fassadenkratzer

Den Angriff Hitlers auf Polen am 1. 9. 1939 als „Überfall“ zu bezeichnen, ist gängiges Vokabular der offiziellen Geschichtsschreibung. Es suggeriert ein böswilliges Vom-Zaun-Brechen des Krieges durch den deutschen Diktator und eine völlige Überraschung des ahnungslosen Polens. Diese Ansicht kann nur solange zweifelsfrei aufrechterhalten werden, solange wesentliche historische Fakten ausgeblendet bleiben.

Um einem aufsteigenden Vorurteil gleich zu begegnen: Es geht hier nicht um eine Verharmlosung des verbrecherischen Nazi-Regimes und seiner Machtpolitik. Es kann aber auch nicht um deren Verfälschung und erst recht nicht um eine Verharmlosung der britischen Machtpolitik und der kaum thematisierten nationalistischen Politik Polens gehen, deren sich die Briten bedienten. Die herrschende Geschichtsschreibung krankt an einer ungeheuren Einseitigkeit. Doch, wie Hegel oft hervorhob: Nur das Ganze ist die Wahrheit. Und es stellt sich zunächst die Frage, wie die Politik Polens denn geartet war, dass sie und die nationalsozialistische Politik Deutschlands von den Briten gegeneinander ausgespielt und der lange geplante zweite Teil des „Zweiten 30-jährigen Krieges gegen Deutschland“ (Churchill) herbeigeführt werden konnte (s. Von der Wegbereitung, woran hier angeschlossen wird).

Die Politik Polens

Im September 2010 sorgte die CDU-Bundestagsabgeordnete und Präsidentin des Bundes der Vertriebenen Erika Steinbach im Vorstand der Unionsfraktion mit der Äußerung für einen Eklat, sie könne „es auch leider nicht ändern, dass Polen bereits im März 1939 mobil gemacht hat.“ Die Politiker- und Medienmeute fiel über sie her. Sie wolle mit Geschichtsklitterungen die deutsche Kriegsschuld „relativieren“. Linientreue Historiker wurden interviewt. Jochen Böhler vom Deutschen Historischen Institut in Warschau musste zwar zugeben, Polen habe in der Tat damals eine Teilmobilmachung angeordnet, aber das sei eine Reaktion auf den Einmarsch der Wehrmacht in die Rest-Tschechei vom 15. März gewesen. Polen habe sich verständlicherweise von dem aggressiven Hitler-Deutschland bedroht gefühlt. Wie verhält es sich damit? Eine Klärung scheint dringend notwendig.

deutschlands_verstümmelungDurch die drei Teilungen Ende des 18. Jahrhunderts seiner Souveränität beraubt, erreichten die Polen infolge des Versailler Vertrages von 1919 wieder einen eigenen Staat. Deutschland musste große Teile Westpreußens, Posens und Ost-Oberschlesien mit überwiegend deutscher Bevölkerung an Polen abgegeben. Ostpreußen war damit vom übrigen Deutschland abgetrennt. Unter Verwaltung des Völkerbundes wurde das deutsche Danzig ein Freistaat, der Polen als Ostseehafen dienen sollte. Bewusst schuf man so einen künftigen Konfliktherd zwischen Polen und Deutschland.

Interessant ist, dass der britische Premier Lloyd George in einem Memorandum vom 25. März 1919 warnte: „Der Vorschlag der polnischen Kommission, 2.100.000 Deutsche der Aufsicht eines Volkes von anderer Religion zu unterstellen, das noch niemals im Laufe der Geschichte die Fähigkeit zu stabiler Selbstregierung bewiesen hat, muss meiner Beurteilung nach früher oder später zu einem neuen Krieg in Osteuropa führen.“ 1
Wie das? Sprach er mit gespaltener Zunge? Auf der einen Seite war sein Sekretär Philip Kerr (Lord Lothian), internes Mitglied des imperialistischen Milner-Kreises, hinter den Kulissen an der Ausarbeitung des Versailler Vertrages beteiligt, der die Keime zu einem zweiten Weltkrieg legen sollte – von ihm stammte die Formulierung des Paragraphen 231 von der deutschen Alleinschuld –  (s. Die angloamerikanische Lenkung) und auf der anderen Seite warnte sein Premier parallel in vornehmer Besorgtheit, dass eine Bestimmung des Versailler Vertrages wieder zu einem neuen Krieg führen müsse. Sollten so die Spuren des britischen tödlichen Agierens mit der Maske moralisch integrer Gesinnung verdeckt werden?

„Entdeutschung“

Polen hatte sich in Versailles mit Vertrag vom 28. 6. 1919 verpflichtet, allen Minderheiten die gleichen bürgerlichen und politischen Rechte, Freiheit des Glaubens, der Kultur und Sprache und das Recht auf eigenen Schulen zu gewähren. Doch schon am 20. 11. 1920 sah sich die Weimarer Regierung zu einer Beschwerde bei der polnischen Regierung genötigt: über verbreitete willkürliche Verhaftungen und Verschleppungen Deutscher, sowie über vielfache ungesühnte Ermordungen und Erschießungen durch polnische Grenzsoldaten auf deutschem Boden. Der Deutsche gelte in Polen fast überall geradezu als vogelfrei. Der volksdeutsche Abgeordnete Spickermann beklagte am 23. 1. 1923 im polnischen Parlament, durch das Gift des polnischen Chauvinismus stehe der gesamte Apparat der inneren Verwaltung unter der Parole, kein Mittel, auch nicht das brutalste, unversucht zu lassen, die Deutschen aus dem Lande zu treiben und das Land zu entdeutschen.2

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Die preußische Provinz Westpreußen wurde im Versailler Diktat Polen zugesprochen – Im Rahmen der Volkszählung von 1910 gaben 65 % der Bewohner Westpreußens Deutsch, 28 % Polnisch und 7 % Kaschubisch als Muttersprache an.

Der Historiker Stefan Scheil, dem von den Vertretern der offiziellen Geschichtsschreibung „rechter Geschichtsrevisionismus“ und „Relativierung“ der deutschen Kriegsschuld (zu diesen Begriffen s. Geschichtserkenntnis) vorgeworfen, aber immerhin gute Quellenkenntnisse bescheinigt werden, bringt viele Quellenbelege für die deutschfeindliche Politik Polens vor dem Zweiten Weltkrieg. „Premier Wladyslaw Sikorski forderte 1923 in einer vielbeachteten Äußerung ausdrücklich, die Beschleunigung des Entgermanisierungsprozesses mit allen Mitteln voranzutreiben. Probate Mittel schienen hier die Enteignung deutschen Besitzes und die Entlassung deutscher Arbeiter und Angestellter zu sein, die den Deutschen ihre wirtschaftlichen Existenzmöglichkeiten nehmen würden. Zusammen mit der Schließung der deutschen Schulen und dem allgemeinen Kulturkampf sollte dies zum gewünschten Ergebnis führen.“ 3

Mitte 1923 hatte die Vertreibung der Deutschen bereits einen großen Umfang angenommen, der nach der Veröffentlichung eines Warschauer Forschungsinstitutes im September 1931 mindestens eine Millionen erreicht hatte. Am 2. 3. 1933 berichtete das Deutsche Generalkonsulat in Posen an das Auswärtige Amt, dass den Deutschen in großem Maße durch die Enteignung von Grund und Boden, Entlassungen aus dem Arbeitsverhältnis, Boykott von Betrieben, Verlust ärztlicher Zulassungen usw. die Existenzbasis entzogen werde. Von ursprünglich mehreren tausend deutschen Schulen waren 1932 nur noch 222 Schulen übrig. „Unter diesem wirtschaftlichen und seelischen Druck, der nun schon 14 Jahre anhält, hat ein großer Teil der deutschen Bevölkerung, der mit 70% sicher nicht zu hoch geschätzt ist, die alte Heimat verlassen.“ 4 Das waren von ursprünglich 2,1 Millionen also rund 1,5 Millionen.
Weder die Alliierten, der besorgte britische Premier Lloyd George, noch der Völkerbund, der sowohl von deutscher als auch von ukrainischer Seite immer wieder um Schutz gegen die ständige Verletzung des Versailler Vertrages durch Polen angerufen wurde, kamen ihrer Pflicht nach.

Nationalismus und Imperialismus

Die Politik Polens zwischen 1919 und 1939 war von einem starken Nationalismus geprägt, der sich einerseits auf die Selbstbehauptung und Sicherung des neu gegründeten Staates richtete, andererseits aber auch imperiale Herrschaftsansprüche über andere Ethnien im Osten (z. B. die Ukraine und Weißrussland) und noch weitere umfassende Revisionsforderungen der deutsch-polnischen Grenze enthielt. Unter dem Einfluss des Panslawismus strebten einflussreiche Kreise danach, alle Gebiete, die einmal in irgendeiner Form slawisch-polnisch gewesen waren oder gewesen sein sollten, in den polnischen Staat zu integrieren. Darunter fielen auch Pommern, Mecklenburg, Brandenburg und weite Teile Sachsens.

Zahlreiche Äußerungen der polnischen Politik und Publizistik erhoben deutlich Gebietsansprüche an das Deutsche Reich. „In einer Denkschrift des polnischen Außenministeriums war beispielsweise 1931 die Oder-Neiße-Grenze als Ziel der polnischen Expansion genannt worden. Solche Gedanken genossen in der polnischen Öffentlichkeit und dem Generalstab durchaus Popularität.“ Der Generalstabsoffizier Henryk Baginski hatte 1927 in einem Buch radikal formuliert: „Es wird niemals Frieden in Europa geben, bis Preußen ausradiert ist und die deutsche Hauptstadt von Berlin nach Frankfurt am Main verlegt wurde, da Berlin auf slawischem Land steht.“
Scheil wertet es, logisch nachvollziehbar, als ein deutliches Signal, einen Offizier mit derartigen aggressiven Ansichten, „nachdem er öffentlich die Eroberung Ostpreußens und die Verlegung der deutschen Hauptstadt gefordert hatte“, in den Generalstab zu berufen, dem er bis 1939 angehörte. Baginski hatte seine Forderungen auf Basis der Theorie des „Intermarium“ erhoben, „die unter der Leitung von Außenminister Beck in den dreißiger Jahren das Leitmotiv der polnischen Außenpolitik werden sollte“, womit ein durchgehender staatlicher Zusammenhang von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer gemeint war. „Damit waren die polnischen Gebietsansprüche deutlich bezeichnet, auch deswegen, weil die Mündung der Oder üblicherweise als westliches Ende dieser Verbindungslinie galt.“ In einer späteren englischen Ausgabe nannte er gar noch die Elbe einen „großen slawischen Fluss“ und ließ auf einer Karte Polens „historische Grenzen“ kurz vor Braunschweig enden.5

Polens Kriegsbereitschaft

Die führenden Kreise Polens waren sich natürlich bewusst, dass ihre Gebietsansprüche gegen Deutschland nur mit einem Krieg realisiert werden konnten. Sie wussten auch, dass keine Regierung der Weimarer Republik die im Versailler Diktat festgelegten neuen deutsch-polnischen Grenzen anerkannte. Außenminister Stresemann hatte 1925 erklärt, „dass Deutschland deswegen zwar keinen Krieg beginnen werde, doch auf Gelegenheit zu einer Neuregelung in den Grenzregionen warte.“ 6

jozef-klemens-pilsudskiDie Kreise um den diktatorisch herrschenden polnischen Präsidenten Marschall Pilsudski sahen daher Chancen für ihre großpolnischen Pläne nur in der Nachkriegsphase, in der Deutschlands militärische Schwäche durch den Versailler Vertrag festgeschrieben war. Dazu mussten sie den Rücken zur Sowjetunion frei haben und der Unterstützung der beiden Westmächte Frankreich und England sicher sein. Bereits Anfang der zwanziger Jahre hatte Pilsudski in Zusammenarbeit mit dem französischen Generalstab Aufmarschpläne entworfen. Auf deren Basis war zu Beginn der dreißiger Jahre „eine begrenzte Offensive gegen Deutschland ausgearbeitet worden, damals eine sogenannte ´Angriffshandlung mit Präventivcharakter` gegen die Weimarer Republik.“ 7

Immer wieder ließ Pilsudski in London und Paris seine Bereitschaft wissen, militärisch gegen Deutschland vorzugehen – „zweimal im Jahr“, wie der Amtschef des britischen Foreign Office Robert Vansittart später etwas spöttisch schrieb.8 Im Oktober 1932, kurz vor der Ratifizierung des Nichtangriffsvertrages mit der UdSSR, forderte der Oberst und bis dahin stellvertretende polnische Außenminister Beck in einem Brief an Marschall Pilsudski den sofortigen Angriff auf Deutschland. Die Lage für einen Krieg sei so günstig wie nie, einen „Krieg um die Befreiung der polnischen Territorien vom deutschen Joch“ anzugehen. Die Armee sei bereit. Die deutsche Schwäche müsse jetzt oder nie genutzt werden. „Wenn das nicht erkannt wird, werden nicht nur wir selbst, sondern auch unsere Kinder nicht Groß-Polen erleben.“ Zugleich ging Beck auf Konfrontationskurs mit Deutschland. „Der Polnisch-Danziger Konflikt muss eine scharfe Form erhalten“ 9

Doch die Westmächte hielten sich zurück. Selbst Wikipedia hält fest, dass „die Westmächte 1933 zweimal einen von Piłsudski vorgeschlagenen Präventivkrieg gegen das sich gerade etablierende NS-Regime in Deutschland abgelehnt hatten.“ 10 Polen sah sich Ende 1933 ausmanövriert und musste sich auf einen deutsch-polnischen Nichtangriffspakt einlassen, den Hitler anbot und der im Januar 1934 abgeschlossen wurde. Doch die polnischen aggressiven Träume eines Großpolens waren damit nicht aufgegeben.

Der Völkerbundkommissar für Danzig, der Schweizer Carl Jacob Burckhardt, schilderte im Sommer 1938 aus seinen Begegnungen mit dem polnischen Außenminister Beck die Konsequenzen der polnischen Politik: Beck spiele weiterhin „sein doppeltes Spiel. (…) Es ist ein Spiel, bei welchem man für Polen auf den höchsten Gewinn hofft, einen Gewinn, der sich ergeben soll aus einer schließlichen und unvermeidlichen deutschen Katastrophe. (…) Jetzt hofft man im stillen in Warschau nicht nur auf die bedingungslose Integration Danzigs in den polnischen Staatsbereich, sondern auf viel mehr, auf ganz Ostpreußen, auf Schlesien, ja auf Pommern. (…) Beck macht (…) eine nur scheinbar polnisch-deutsche Entspannungspolitik (…). Aber man bemüht sich, die Deutschen ganz methodisch in ihren Fehlern zu bestärken.“ 11 England wusste das als Konfliktpotential mit Deutschland auszunutzen.

Die herrschende Geschichtsschreibung sieht den „Überfall“ Hitlers auf Polen als den nach der Besetzung der Tschechoslowakei weiteren Schritt zur lange geplanten Eroberung deutschen Lebensraumes im Osten. Von solchen Gedanken hat Hitler in der Tat schon in „Mein Kampf“ geschwärmt. Konkrete militärische Pläne dazu gab es aber zu diesem Zeitpunkt nicht. Es kommt historisch darauf an, was jeweils tatsächlich und aus welchen Gründen genau geschehen ist. Hitler wollte offensichtlich in dieser Zeit mit Polen keinen Krieg, sondern einerseits die schwierige Lage der Deutschen in Danzig und Ostpreußen, sowie die Benachteiligungen und Verfolgungen der deutschen Minderheit in Polen auf dem Verhandlungswege lösen und andererseits Polen für einen Bündnisvertrag gegen die Sowjetunion gewinnen.

Nachdem Polen am 1.10.1938 das zur Tschechoslowakei gehörende Industriegebiet von Teschen mit vorheriger Zustimmung Hitlers besetzt und annektiert hatte, erwartete dieser umgekehrt ein polnisches Entgegenkommen in der Danzig- und Korridor-Frage. Er bot Polen am 24. 10. 1938 den Verzicht auf die ehemals deutschen Gebiete Oberschlesiens, Westpreußens und Posens und die endgültige Anerkennung der polnischen Westgrenze an, wenn Polen der Angliederung Danzigs an das Reich und einem exterritorialen Zugangsweg in das abgetrennte Ostpreußen zustimme. Mit der Anerkennung der Westgrenze wäre erfüllt worden, was Marschall Pilsudski von 1920 bis zu seinem Tode 1935 mehrfach vergeblich angestrebt, die 16 Reichsregierungen vor Hitler aber stets strikt abgelehnt hatten. Und mit Danzig hätte Polen auf etwas verzichtet, was völkerrechtlich sowieso nicht polnisch war. Polen lehnt ab. Auch nach fünf weiteren Verhandlungsversuchen bis zum Sommer 1939 bei im wesentlichen gleichbleibendem Angebot blieb Polen bei seiner Ablehnung.12

Westlicher Kriegskurs

Polen fühlte sich für seine starre Haltung gegenüber Deutschland durch den Beistandsvertrag mit Frankreich von 1921 und den seit Sommer 1938 sich anbahnenden Beistandspakt mit England13 abgesichert. Frankreich bestärkte Polen im Januar 1939 ausdrücklich, das Angebot Hitlers abzulehnen. Es ging „den Franzosen erkennbar darum, die Reste von Versailles zu erhalten und eine endgültige Aussöhnung der Deutschen und der Polen zu verhindern.“ 14 Hinzu kam, dass Warschau nach Berichten seines Botschafters Potocky in Washington von einer Feindschaft der USA gegen das deutsche Regime und einer wachsenden Kriegsentschlossenheit ausgehen konnte. Berichte aus London und Paris bestätigten ebenfalls, dass die US-Botschafter auch in diesen Ländern massiv für einen Kriegskurs gegen Deutschland eintraten. „In London wurde dies durch Winston Churchill und seine Mitstreiter sowie die Admiralität unterstützt, ´die den Krieg um jeden Preis befürworteten` wie Deutschlands Ex-Kanzler Brüning im März im Exil vor Ort selbst beobachten konnte.“ 15

Für die kriegswilligen Westmächte liefen die Dinge wie gewünscht. Man durfte ja vor der Welt auf keinen Fall den Krieg selbst beginnen. Hitler annektierte am 16. März 1939 mit der Tschechei erstmals ein nicht deutsches Land und löste damit weltweite Empörung aus. Da die deutsche Bevölkerung im Memelland, das in Versailles vom Norden Ostpreußens abgetrennt, von Frankreich verwaltet, aber dann von Litauen annektiert worden war, in einem Volksaufstand wieder den Anschluss an das Deutsche Reich verlangte, ließ Hitler fünf Tage später die drei in Ostpreußen stationierten Wehrmachtsdivisionen nach Norden an die Grenze zum Memelland verlegen.

Darauf ordnete Polen mit der Begründung, die Deutschen wollten das im Südwesten von Ostpreußen gelegene Danzig annektieren, eine Teilmobilmachung an, erhöhte die Truppenstärke der Armee um 330.000 Soldaten und ließ Truppen vor Danzig aufmarschieren. Berlin hatte dagegen am 21. März 1939 einen weiteren, inzwischen vierten Versuch gemacht, das Danzig- und Zugangs-Problem nach Ostpreußen auf dem Verhandlungsweg zu lösen. Der polnische Botschafter Lipski überbrachte am 26. März die erneute Ablehnung und erklärte dem enttäuschten Außenminister von Ribbentrop, dass er die unangenehme Pflicht habe, darauf hinzuweisen, dass jegliche weitere Verfolgung dieser deutschen Pläne (…) den Krieg mit Polen bedeute.“ Dies war die erste Drohung mit Krieg zwischen Polen und Deutschland, und sie wurde von einem Polen ausgesprochen. Sie war eine direkte Verletzung des gemeinsamen Vertrages und wurde von Außenminister Beck am 28. März wiederholt. Ribbentrop reagierte entsprechend: Eine Verletzung des Danziger Hoheitsgebietes durch Polen werde in der gleichen Weise wie eine Verletzung der Reichsgrenzen betrachtet.16 In Polen häuften sich wieder antideutsche Ausschreitungen und, von der Presse angeheizt, wurde eine allgemeine Kriegsstimmung entfacht und auch „durch eine säbelrasselnde offiziöse Propaganda gefördert“, wie der deutsche Botschafter aus Warschau berichtete. Das polnische Militär fühle sich der deutschen Armee überlegen. „Wir sind bereit“, heiße es in einem vielfach verbreiteten Militärblatt-Artikel.17

Das britische Schachspiel zum Krieg

Nun fand es die britische Regierung an der Zeit, die Dinge zu forcieren. Sie gab am 31. März 1939 eine Garantieerklärung ab, Polen jegliche Hilfe zu geben, wenn es seine Unabhängigkeit durch irgendeine Aktion Deutschlands bedroht sehe, „die die polnische Regierung daher für so lebenswichtig ansieht, dass sie ihr mit ihren nationalen Streitkräften Widerstand leistet.“ ´Irgendeine Aktion` wurde schriftlich noch in ´direkte oder indirekte` präzisiert. Danach trat der Bündnisfall auch dann ein, wenn Polen sich bedroht sah und militärisch angriff.18 Das war ein Freibrief, kompromisslos gegenüber Deutschland aufzutreten und dessen Verlangen auf Wiedereingliederung Danzigs in das Reich zur „indirekten Bedrohung“ zu erklären und zum Kriegsgrund zu machen. Diese Garantie zerstörte die letzten Chancen, den deutsch-polnischen Streit auf dem Verhandlungswege beizulegen. Und das sollte sie offensichtlich auch. Es kam aus Englands Sicht nur darauf an, beide Staaten so gegeneinander auszuspielen, dass nicht Polen, sondern Deutschland den Krieg begann.

Hitler gab am 3. April an die Wehrmacht die Weisung, einen Angriff gegen Polen so vorzubereiten, dass er ab 1. September 1939 erfolgen konnte und kündigte am 27. April den von Polen mit der Mobilmachung gebrochenen Freundschafts- und Nichtangriffsvertrag von 1934. Doch erkannte er ausdrücklich noch einmal die polnischen Westgrenzen und Polens Zugang zur Ostsee an und blieb bei seinem Verhandlungsangebot. Der englische Botschafter Henderson in Berlin äußerte am 4. Mai in einem Schreiben an Minister Halifax Zweifel an der starren Haltung Polens: „Wieder einmal ist die deutsche Sache weit davon entfernt, ungerechtfertigt oder unmoralisch zu sein. … Meine These war immer, dass Deutschland nicht zur Normalität zurückkehren kann, … solange nicht seine legitimen Forderungen erfüllt worden sind. Die Danzig-Korridorfrage war zusammen mit dem Memelproblem eine von diesen. … Nach Aussage meines belgischen Kollegen betrachten fast alle diplomatischen Vertreter hier das deutsche Angebot als ein überraschend günstiges. Auch der holländische Gesandte, der amerikanische Geschäftsträger und mein südafrikanischer Kollege haben zu mir in diesem Sinne gesprochen.“ 19

Dass die deutschen Forderungen legitim waren, wusste man natürlich auch in der Londoner Zentrale. Aber dadurch waren sie ja gerade der geeignete emotionale Konfliktstoff gegenüber dem blinden Chauvinismus der Polen. Hitler bezog nun in seiner Rede vor den Generalen am 23. Mai Polen in seine bis dahin nur vagen Vorstellungen vom „Lebensraum im Osten“ ein, in denen es vom möglichen Teilhaber zum Opfer wurde. „Was nun folgt, ist wie der Rutsch auf einer schiefen Ebene. Im Juni und Juli 1939 nehmen die Drangsalierungen der Minderheiten in Polen, die Grenzzwischenfälle und der Druck auf Danzig derart zu, dass ein spannungsfreies Verhandeln … nicht mehr möglich ist.“ „Bis Mitte August sind über 76.000 Menschen ins Reich geflohen und 18.000 ins Danziger Gebiet.“ 20

Hitler zieht nachweislich ein Verhandlungsergebnis vor. Doch die Polen lassen sich auf keine Verhandlungen mehr ein. Rydz-Smigly, der Generalinspekteur der polnischen Armee sagte im Sommer 1939 in einem öffentlichen Vortrag vor polnischen Offizieren: „Polen will den Krieg mit Deutschland, und Deutschland wird ihn nicht vermeiden können, selbst wenn es das wollte.“ 21 Hitler versucht es über die britische Regierung. Diese vermittelt ihm den Eindruck, an einem deutsch-britischen Bündnis weiter interessiert zu sein und die polnische Regierung zu Verhandlungen zu bewegen. Außenminister Halifax lässt aber seinen Botschafter Kennard in Warschau übermitteln, man verlange von Polen Gespräche, aber kein Entgegenkommen. England redet zum Schein für Frieden, will aber den Krieg.22

Am 30. August 1939 macht Hitler ein letztes, etwas variiertes Angebot und erwartet bis 24 Uhr einen polnischen Unterhändler. Polen weigert sich, den Vorschlag entgegenzunehmen und ordnet die Generalmobilmachung an, was einer Kriegserklärung gleichkommt. Die Ehefrau des britischen Marineministers Cooper findet den Vorschlag „so vernünftig“, dass ihr Mann fürchtet, die britische Öffentlichkeit könnte ähnlich reagieren. Er ruft die wichtigsten Zeitungen an, den deutschen Vorschlag in einem möglichst ungünstigen Licht darzustellen. Der französische Historiker Rassinier schreibt nach dem Kriege dazu: „Hätten das französische und britische Volk von diesen Vorschlägen Kenntnis gehabt, so hätten Paris und London kaum den Krieg an Deutschland erklären können, ohne einen Sturm der Entrüstung hervorzurufen, der den Frieden durchgesetzt hätte.“ 23

Die Briten wissen, dass Hitler vor der Wahl zwischen Verhandlungslösung, Verzicht oder Krieg steht. Sie wissen aber auch, dass er angesichts seiner Verantwortung für die abgetrennten Deutschen, die immer prekärer werdenden Lage der drangsalierten deutschen Minderheiten in Polen und bei seiner von Stolz und Ehrsucht angefüllten Psyche – Machtpsychopathen kennen einander – nicht verzichten kann. „So verstellen sie den Verhandlungsweg, den sie noch bei den Polen hätten öffnen können. Dabei spielen sie um fünf vor zwölf so lange auf Zeit, bis Hitler den Krieg eröffnet. England hat – zusammen mit Frankreich – das deutsch-polnische Problem geschaffen und 1939 verhindert, dass es ohne Krieg bereinigt wird.“ 24

Am 3. September 1939 erklärten Frankreich und England als Antwort auf den deutschen Angriff auf Polen Deutschland den Krieg, und der britische Außenminister Lord Halifax sagte in London: „Jetzt haben wir Hitler zum Krieg gezwungen, so dass er nicht mehr auf friedlichem Wege ein Stück des Versailler Vertrages nach dem anderen aufheben kann“25 – wozu diese „Stücke“ aber offenbar hineingesetzt worden waren.

Nachbemerkung 7.9.2015:
Es scheint mir nötig, noch extra zu betonen, dass mit diesem Artikel Hitlers Angriff auf Polen nicht gerechtfertigt wird und erst recht nicht von Deutschen in Polen begangene Verbrechen entschuldigt werden. Es soll nur auf historische Abläufe der Blick gelenkt werden, wie – in Kenntnis seiner Psyche – Hitler dazu gebracht worden ist.

Quelle

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1   Bernd zu Kollwitz-Seldte: Das Weißbuch. Dokumente zur Vorgeschichte
des Krieges, Langenau 2000, S. 43
2   a. a. O., S. 7 f.
3   Stefan Scheil: Polen 1939, Schnellroda, S. 24
4   Bernd zu Kollwitz-Seldte a. a. O., S. 27, 28
5   a. a. O., S. 41 – 43
6   Gerd Schultze-Rhonhof: Der Krieg der viele Väter hatte, München 2003, S. 389
7   Stefan Scheil: Fünf plus Zwei, Berlin 20063, S. 47 mit Nachweisen dort
8   Stefan Scheil: Polen 1939, S. 48
9   Nachweise am a. a. O., S. 51 – 54
10   Wikipedia – Pilsudski – Starker Mann der Zweiten Republik, abgerufen 7.5.15
11   Nachweis bei Stefan Scheil: Polen 1939, S. 56
12   Vgl. Gerd Schultze-Rhonhof: Der Krieg der viele Väter hatte, S. 391
13   Vgl. Stefan Scheil: Polen 1939, S. 57
14   Schultze-Rhonhof a. a. O., S. 394
15   Vgl. Stefan Scheil: Polen 1939, S. 61
16   Anm. 15, S. 396-397
17   Anm. 1, S. 235, 236
18   Vgl.: Anm. 1, S. 308-9; Scheil: Polen 1939, S. 64-65; Schulte-Rhonhof, S. 399 f.
19   Schulte-Rhonhof S. 401.
20   a. a. O. u. S. 371
21   Vgl. Heinz Splittgerber: Unkenntnis oder Infamie?, Recklinghausen, S. 7
22   a. a. O., S. 519
23   a. a. O., S. 404
24   a. a. O., S. 519
25   Vgl. „Nation Europa“, Jahrgang 1954, Heft 1, S. 46

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