Zeitgeschichtliche Probleme alter Chronologie

Dionisios Petavius

Kritik traditioneller Chronologie der Antike und des Mittelalters

 von Prof. Dr. Anatolij Timofejewitsch Fomenko (Moskau)

Übersetzung: Alexander Beierbach

Lektorat: Eugen Gabowitsch und Uwe Topper

Korrektur: Uta Topper

Die Ergebnisse der Ausgrabungen, die in Italien vom schweizerischen Anthropologen Georg Glowazki durchgeführt wurden, erwiesen sich als sensationell. Der Wissenschaftler hat erwiesen, dass es in der Gegend, wo der Sage nach die Schlacht von Cannae ausgetragen wurde, in der das Heer von Hannibal die römischen Legionäre zerschlagen hat, gar keine Schlacht gegeben hat. Er fand nach der Erforschung der Hügel heraus, dass in ihnen keine römischen Krieger ruhen, was früher angenommen wurde, sondern Überreste von Menschen, die im 13. Jh. während einer Pestepidemie gestorben sind.

Zeitung “Sowjetskaja Rossija”, 28.11.1984

1.1. Wer und wann entwarf die Geschichte der Geschichte?

Leser: Ich kann mir die Frage nicht verkneifen: Was wollen Sie mit diesem Zitat sagen?

Autor: Eigentlich nichts Besonderes, außer eines einfachen Gedankens – wie genau geographisch und zeitlich sind manche berühmten antiken Ereignisse lokalisiert?

Als Ergebnis langer Arbeit mehrerer Generationen von Chronologen des 16.-19. Jh.s (darunter waren übrigens auch Mathematiker und Astronomen) ist die globale Chronologie entstanden, die alle grundsätzlichen Ereignisse alter Geschichte nach julianischem Kalender datiert. Seitdem werden die in einem neuentdeckten Dokument enthaltenen Fakten nach folgender Vorgehensweise datiert, die wir an einem konkreten Beispiel zeigen.

Nehmen wir an, dass in einem historischen Text ein römischer Konsul erwähnt wird. Da zur heutigen Zeit eine (in groben Zügen) vollständige Liste aller Konsuln im Zeitabschnitt von 1050 Jahren: von Lucius Junius Brutus, Sohn von Marcus Brutus und Lucius Tarquinius Collatinus (509 v.Chr.) bis zu Basileios (541 n.Chr) aufgestellt wurde (s. [1]), hat man die Möglichkeit, den erwähnten historischen Text zu datieren, ihn “anzubinden” an den Konsul und seine Amtszeiten, die wir in der Liste finden. Dieses Beispiel ist typisch in dem Sinne, dass die meisten modernen Datierungsmethoden auf dem Prinzip des Vergleiches von Angaben des Dokumentes mit den Daten, deren Datierung als erwiesen gilt, aufgebaut sind.

Es war kein Zufall, dass wir ein Beispiel aus der römischen Chronologie genommen haben. Das Problem, wie es der berühmte amerikanische Chronologieexperte E. J. Bickerman (in seinem bekannten Buch [1a] – Lekt.) beschreibt, besagt: “Alle anderen Datierungen alter Chronologie kann man verbinden mit unserer Zeitrechnung mit Hilfe der unmittelbaren oder indirekten Synchronismen mit den römischen Daten” [1, S. 77]. (Auch lt. [1b, S. 54] “Die anderen antiken Daten werden unmittelbar oder mittelbar durch römische Synchronismen (auf unsere Zeitrechnung. – Lekt.) reduziert” – Lekt.). Mit anderen Worten war die römische Chronologie der “Rückgrat” der globalen Chronologie, zumindest von Europa; und in Wirklichkeit auch für den Mittelmeerraum, den Nahen Osten, Ägypten und viele andere Regionen. (Z. B. für Indien – s. [1b, S. 54]. “Dort, wo die Verbindung mit der römischen Chronologie unterbrochen ist, wäre überflüssig gewesen, glaubwürdige Daten zu suchen” [1, S. 77] – Lekt.).

Joseph Scalinger, "das Licht der Welt"
Der Jesuit Joseph Scalinger, “das Licht der Welt”

Die Traditionelle Chronologie in dem Sinne, wie wir sie heute kennen, wurde in Fundamentalwerken des 16.-19. Jh. geschaffen und praktisch beendet, welche mit den Arbeiten von Joseph Scaliger (1540-1609) – “dem Begründer der modernen Chronologie als Wissenschaft” [1, S. 82] und Dionisios Petavius (1583 – 1652):

 

I. Scaliger, Opus novum de emendatione temporum. Lutetias, Paris, 1583.

—, Thesaurum temporum. 1606

D. Petavius, De doctrina temporum. Paris, 1627

 

Ihren Anfang hatten. Aber die Folge dieser (und anderer) Arbeiten wurde nicht beendet, weil, wie E. J. Bickerman bemerkt, eine “ausreichend vollständige, den modernen Anforderungen entsprechende Untersuchung der alten Chronologie nicht existiert” [1, S. 90].

Deswegen wäre es richtiger, die traditionelle Chronologie “die Version von Scaliger-Petavius” zu nennen. (Unten wird sie einfach Scaliger-Version oder Version von Scaliger genannt – Lekt.). Wie wir später sehen werden, war diese Version nicht die einzige (Im Laufe der Chronologieausarbeitung wurden auch andere Chronologieversionen diskutiert – Lekt.). E. J. Bickerman spricht mit Bedauern sogar vom “Chaos der mittelalterlichen Datierungen” [1, S. 73].

Der Jesuit Dionisios Petavius
Der Jesuit Dionisios Petavius

Das Fehlen einer (mittelalterlichen oder gegenwärtigen) Untersuchung, in der die strikt wissenschaftliche Begründung der globalen Chronologie niedergelegt worden wäre, wird nicht nur mit gigantischem Volumen von Material erklärt, das überarbeitet und revidiert werden muss, sondern auch mit objektiven Schwierigkeiten, die unterschiedliche Wissenschaftler mehrmals angemerkt haben.

Die erste Schwierigkeit wird von A. Ja. Gurewitsch so beschrieben: “Im Laufe der Jahrhunderte blieb die Geschichte im allgemeinen die Geschichte der Kirche und sie wurde überwiegend von Geistlichen geschrieben” [2, S. 105].

Es wird heute angenommen, dass die Grundlagen der Chronologie von Eusebios Pamphili von Cäsarea (4. Jh. n. Chr.) und Hl. Hieronymus gelegt wurden. Die Arbeit von Eusebios “Zeitgeschichte vom Anfang der Welt bis zum Konzil von Nicäa” – die sogenannte “Chronik” und das Werk von Hieronymus wurden erst im Mittelalter entdeckt. Außerdem stellt sich heraus, dass das “Original (von Eusebios – A.F.) jetzt nur in Abschnitten existiert und mit einer lateinischen Freiübersetzung des Hieronymus vervollständigt wird” [3, Einführung, S. VIII,].

Es ist interessant, dass Nikephoros Kallistos im 14. Jh. den Versuch unternommen hat, die neue Geschichte der ersten drei Jahrhunderten zu schreiben, d.h. die “Geschichte” von Eusebios “neu zu schreiben”, “aber er könnte nichts anderes machen, als nur das von Eusebios Gesagte zu wiederholen” [3, S. XI]. Und weil das Werk von Eusebios erst im Jahre 1544 veröffentlicht wurde [3, S. XIII], d.h. später, als die Arbeiten von Nikephoros Kallistos, kommt die Frage auf: ist vielleicht das Buch von Eusebios auf das Werk von Nikephoros Kallistos zurückzuführen? Als Grundlage der Chronologie wurde die Deutung der Zahlenangaben aus der Bibel sowie die blinde Übernahme der Angaben der Kirchenautoritäten gelegt.

Als Ergebnis dieser “kabbalistischen” (gemeint sind scholastischen – LEKT.) Übungen kamen z.B. folgende “Ausgangspunkte” zu Stande, die der Chronologie zugrunde gelegt wurden: nach Meinung von (Bischof – LEKT.) James Usher, war die Welt morgens am Sonntag den 23. Oktober 4004 v.Chr. erschaffen (siehe [4]). Außerdem war die später entstandene “weltliche Chronologie” vollständig an die kirchliche Chronologie gebunden. So merkt E. J. Bickerman an: “Die christlichen Historiker stellten die Weltchronologie in den Dienst der Heiligen Geschichte… Die Kompilation von Hieronymus wurde zur Grundlage des chronologischen Wissens im Westen” [1, S. 82].

Wegen der fehlenden Eindeutigkeit und wesentlichen Fragwürdigkeit all dieser kabbalistischen Berechnungen variierte z. B. das Datum der “Weltschöpfung” in unterschiedlichen Dokumenten beträchtlich. (Arno Borst in “Computus. Zeit und Zahl in der Geschichte Europas”, Wagenbach, Berlin,, 1990. S. 87 schreibt: “Für die Erschaffung der Welt kam Scaliger auf das Jahr 3949 vor Christus” – Lekt.). Zeigen wir nur die Grundbeispiele (angegeben ist immer das Jahr v. Chr.):

 

5969 (antiochische, Theophilos, eine andere Version s. unten)

5508 (byzantinische, sogenannte konstantinopolische)

5493 (alexandrinische, die Annianos-Ära, sowie 5472 und 5624) (Annianos – ägyptischer Mönchgelehrter, angeblich um 412 – Lekt.)

4004 (Usher, die “jüdische”)

5872 (sogenannte Datierung der 70 AT-Übersetzer)

4700 (samarische)

3761 (jüdische)

3941 (Hieronymus)

5500 (Hippolytos und Sextus Julius Afrikanus)

5515 (Theophilos, auch 5507)

5199 (Eusebios von Cäsarea)

5551 (Augustin) u.s.w. [1, S. 68-69].

 

Die Schwingungsamplitude dieser (für die alte Chronologie) fundamentalen Ausgangspunkte beträgt 2100 Jahre. Wir haben hier nur einige der bekanntesten Beispiele aufgeführt, und dem Leser wird es nützlich sein zu erfahren, dass es insgesamt etwa 200 (zweihundert) unterschiedliche Versionen vom Datum der “Weltschöpfung” gibt. (Lt. Encyclopedia Universal Ilustrada Europeo-Americana, Band 16, S. 479 beträgt der Abstand zwischen unterschiedlichen Ansätzen der Weltschöpfungsären 3501 Jahre: zwischen 3483 und 6984 vor Chr. Ob dabei wirklich alle “Berechnungen” zum Weltschöpfungsdatum berücksichtigt wurden, ist anzuzweifeln: Lt. dem Gérard Serrade’s Buch “Leere Zeiten”, Logos, Berlin, 1998, S. 97 hatte man in der Zeit des Papstes Gregor und seiner Kalenderreform “über 800 unterschiedliche Berechnungen vom Alter der Welt” gekannt– Lekt.)

Die Frage des “richtigen Datums der Weltschöpfung” ist auf keinem Fall scholastisch und sie hat nicht ohne Grund eine so große Achtung verdient. Das Problem besteht darin, dass eine riesige Anzahl an Dokumenten die beschriebenen Ereignisse mit den “Jahren nach der Weltschöpfung” datiert, und deswegen wirkt sich der vorhandene Jahrtausende große Unterschied bei der Auswahl dieses “Datums” im beträchtlichem Maße auf die Datierung aller Dokumente dieser Art aus.

Die Erläuterung der chronologischen Daten von seiten der Kirchenautorität hat eine kritische Analyse und Revision behindert (bis zum 18. Jh.). Z. B. nannte Scaliger die Arbeiten seines Vorgängers Eusebios “göttlich” [3, S. VIII, Einführung]. Die Chronologen des 16.-17. Jhs., erzogen in absoluter Vergötterung der Autorität der Vorgänger, haben auf die fachfremde Kritik scharf reagiert. Derselbe Scaliger hat sein Verhältnis zur wissenschaftlichen Kritik mit folgender Episode deutlich demonstriert: “Der berühmte Philologe Joseph Scaliger, Autor der in der Wissenschaftlerwelt hochgeschätzten Chronologie, ist leidenschaftlicher Anhänger der Quadratur des Kreises geworden. (wir erinnern daran, dass man früher versucht hat, die Quadratur des Kreises mit Hilfe von Zirkel und Lineal zu lösen – diese Aufgabe ist mathematisch nicht lösbar. A.F.)” [5, S. 130]. Scaliger veröffentlichte ein Buch, in dem er behauptete, die “wahre Quadratur” errechnet zu haben. “Die Versuche bester Mathematiker dieser Epoche wie Viète, Clavius …, ihm zu beweisen, dass … seine Behauptungen falsch sind, waren nutzlos. (Aus Scaligers-“Beweis” folgte gleich, dass der Umfang eines regelmäßigen 196-ecks größer ist als die Länge der um ihn gezogenen Kreislinie, was natürlich absolut absurd ist. – A.F.)… Scaliger und seine Gefolgsleute haben beim wütenden Verteidigen seines Standpunktes nichts akzeptiert,… antworteten mit Beschimpfungen, und verächtlichen Beiworten und haben letzten Endes alle Geometriker als absolute Dummköpfe auf dem Gebiet der Geometrie erklärt.” [5, S. 130]. (Lt. Brockhaus Lexicon, dtv, München, 1982, Bd. 3, S. 287 “Clavius, Christoph, Mathematiker und Astronom, geb. Bamberg 1537, gest. Rom 6.2.1612. Seine Euklid-Ausgabe bildete fast 200 Jahre lang das mathemat. Standardlehrbuch … wirkte an der Kalenderreform von 1582 mit.” In seiner “Algebra” war das Wissen der ersten mit Symbolen operierenden Mathematiker zusammengefasst. François, Viète1540-1603), einer der ersten echten Algebraiker, bekannter französischer Mathematiker. – Lekt.)

Scaliger hat zum ersten Mal die astronomische Methode zur Bestätigung (aber nicht zur kritischen Überprüfung) der alten Chronologie angewendet (Insbesondere wurde diese Methode von D. Petavius angewendet). Damit hat er, wie man heute meint, aus seiner Chronologieversion eine “wissenschaftliche” gemacht. Dieser Hauch der “Wissenschaftlichkeit” in Kombination mit der Autorität der Kirche hat den Chronologen des 17. und 18. Jh. ausgereicht, um die (ziemlich erstarrte) Version von Scaliger voll anzuerkennen. Im 19. Jh. war das allgemeine Volumen an chronologischem Material so groß geworden, dass es Achtung schon durch sein Vorhandensein erforderte, so dass die Chronologen des 19. Jh. ihre Aufgabe nur in kleinen Präzisierungen der Jahreszahlen gesehen haben. Im 20. Jh. galt das Problem der Datierungen allgemein als gelöst und die Chronologie versteifte sich endgültig auf die Form, wie sie aus den Schriften von Eusebios, Hieronymus, Theophilos, Augustin, Hippolytos, Clemens von Alexandria, Usher, Scaliger und Petavius hervorging.

Im Laufe der Weiterentwicklung der Chronologie und ihrer Befreiung vom Druck der Autoritäten fanden die nächsten Generationen von Wissenschaftlern ernsthafte Schwierigkeiten bei der Abstimmung vieler Quellen mit der Chronologieversion von Scaliger. So stellte sich z. B. heraus, dass Hieronymus bei der Beschreibung der Ereignisse seiner Zeit einen Fehler von hundert Jahren machte [1, S. 83]. Die sassanidische Tradition war 226 Jahre vom Makedonenkönig Alexander (Alexander d. Gr. – Lekt.) entfernt, und die modernen Chronologen haben dieses Intervall bis zu 557 Jahren vergrößert. [1, S. 83]. Die Grundlagen der ägyptischen Chronologie kamen zu uns nur durch den Filter der christlichen Chronologen: “Die von Manetho erstellte Königsliste ist nur in Auszügen der christlichen Autoren erhalten” [1, S. 77].

Literatur

Bemerkung: Autor benutzt und zitiert hauptsächlich Quellen in Russisch. In der vorliegenden Übersetzung wurden auch im Falle der ins Russische übersetzten Bücher Zitate aus dem Russischen ins Deutsche übersetzt. Bei deutschen Originalquellen oder falls die Quelle ins Deutsche schon früher übersetzt wurde, wurde außerdem angestrebt, das Originalzitat zusätzlich zu bringen.

In der vorliegenden Liste wurden die russischen Titel zuerst in deutscher Transkription wiedergegeben. Wo es möglich war, wurden unter der gleichen Nummer mit zusätzlichen Buchstaben “a”, “b” etc. auch der Titel des Originals und/oder die Übersetzung in eine der westeuropäischen Sprachen der Literaturliste beigefügt. Wo das unmöglich war, wurden die Übersetzungen der Titel in Klammern gegeben.

Wir bitten jeden Leser diese Liste aufmerksam zu prüfen und zu überlegen, ob er weitere Informationen über die westlichen Herausgaben der entsprechenden Quellen besitzt. Für solche Angaben wären wir den Lesern sehr dankbar.– Lekt.

Quelle: http://alt.geschichte-chronologie.de/l2-wahl/l2-autoren/l3-fomenko/fom1-1.html

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