Das Christentum entstand nach 1350

Einführung in die Chronologiekritik

Auf der Historikertagung 1986 in München, die das Problem der Urkundenfälschungen im Mittelalter betraf, erkannte man sehr wohl, daß die Arbeit der letzten hundert Jahre praktisch eindeutig ergeben hatte, daß fast alles gefälscht ist, was vor 1400 n. Chr. geschrieben worden war.

Wo liegt das Problem?

In diesem Jahr 2007 seit Christi Geburt feiert die deutsche chronologiekritische Forschung ihr 25-jähriges Bestehen, ein Grund zur Bestandsaufnahme und zur Verbreitung der Arbeitsergebnisse an Laien, die bisher kaum über diese neue Denkweise Bescheid wissen.

Man könnte von einem Riß in der geschichtlichen Weltanschauung sprechen, wenn nicht immer schon neben der traditionellen Geschichtsschreibung her auch dieses andere –analytische – Verständnis der Vergangenheit publiziert worden wäre. Den Anfang analytischen oder chronologiekritischen Denkens auf das Jahr 1982 zu setzen, in dem die Gesellschaft zur Rekonstruktion der Menschheits- und Naturgeschichte (GRMNG) gegründet wurde, ergäbe demnach ein schiefes Bild. Bevor ich die Entwicklung dieser „neuen“ (im Grunde schon fünfhundert Jahre alten) Forschung vorstelle, schicke ich einige Sätze zur Erklärung voraus, die auch denjenigen, die noch nie davon gehört haben, andeuten sollen, worin das Problem besteht.

Wir schreiben also heute 2007 „seit Christi Geburt“, oder weniger kirchlich eingestellte Menschen schreiben: „unserer Zeitrechnung“, oder altmodisch auch „nach Zeitenwende“. Dabei macht sich kaum jemand Gedanken darüber, wann denn diese Zählweise begonnen wurde. Vor 2007 Jahren im Stall von Bethlehem ganz gewiß nicht, abgesehen davon, daß ein historischer Jesus nicht belegt ist. Und im Jahre 532, als ein skythischer Mönch, über den es keine weiteren Nachrichten gibt, diese Zählweise vorgeschlagen haben soll, begann man auch noch nicht allgemein, die Jahre so zu zählen. Vor Beda im 8. Jh. hat sie auch nach kirchlicher Ansicht noch niemand schriftlich benützt. Die Kirche selbst datiert ihre Dokumente angeblich schon (oder erst?) seit 1443 AD in dieser Zählweise, und selbst das ist anfechtbar, denn wirklich echte Dokumente mit den Anno Domini-Zahlen, also unserer heutigen Jahresrechnung, gibt es frühestens im 16. Jahrhundert.
Wie aber will man anderthalb Jahrtausende nach dem Ereignis festgestellt haben, in welchem Jahr man sich befindet? Das ist nicht einmal annähernd möglich.

Soweit das Problem.

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Wer hat´s erfunden??: König Belšazar veranstaltet ein großes Fest und betrinkt sich. In seiner Trunkenheit wird er übermütig und lässt sämtliche, goldenen wie silbernen Kelche und Pokale herbeischaffen, die sein Vater, König Nebukadnezar, aus Jerusalem geraubt hatte. Belšazar trinkt nun aus diesen Gefäßen und lässt seine Götter preisen. Daraufhin erscheint eine geisterhafte Hand ohne menschlichen Körper und schreibt mit ihren Fingern fremdartige Worte an die Wand, der Belšazar gegenübersitzt. Der König erschrickt und lässt all seine Weisen und Propheten kommen und verspricht ihnen, dass er sie in Purpur kleiden, mit Gold behängen und zum dritten Mann im Königreich ernennen würde, wenn sie ihm nur die Worte übersetzen und deuten könnten. Doch sie können das Geschriebene weder lesen, noch übersetzen. Darüber erschrickt Belšazar noch mehr. Da erscheint seine Mutter und berichtet ihm, dass ein Weiser namens Daniel in der Lage sei, jegliche Art von Omen, Traum oder Rätsel zu deuten. Daraufhin wird Daniel zu König Belšazar gebracht.

Glaubt man den Theologen, dann haben im Mittelalter spezielle katholische Gelehrte, „Komputisten“ genannt, jahrhundertelang dieses schwierige Thema bearbeitet und mit Hilfe der Bibel, alter Chroniken und Berechnungen für das Jüngste Gericht den Anfang der Welt und die einzelnen Ereignisse wie Sintflut und Moses, babylonische Gefangenschaft und Passion Jesu in Zahlen ausgedrückt und so unser Zeitgerüst geschaffen. Allerdings ist das nur fromme Legende, rückprojiziert in der Zeit der Reformation und Gegenreformation für die vergangenen 1500 Jahre.

Man hätte ja auch einen Blick zu den Nachbarn werfen können und deren Jahreszählung benützen, eventuell in eine eigene umrechnen, aber das hatte auch seine Schwierigkeiten, denn die jüdische Zeitrechnung „seit Erschaffung der Welt“ hat den Zeitpunkt der Lebensspanne Jesu nicht vermerkt, und die islamische „seit der Hedschra“ setzt sehr viel später ein.

Gewiß haben die Chronologen des 16. Jahrhunderts – wie Scaliger, Nostradamus oder Kalwitz – alle erreichbaren alten Hinweise benützt, wie z.B. die „Märtyrerrechnung“ seit Diokletian, mußten aber eine große Zahl von „Dokumenten“ erfinden, um ein möglichst brauchbares Zahlenschema für die Vergangenheit zu entwerfen. Dieses Schema ist es, mit einigen Korrekturen durch Petavius u.a., das wir bis heute verwenden. Dem englischen Physiker Isaac Newton gefiel es gar nicht, weil darin seiner Meinung nach die hebräische Tradition gegenüber der griechischen benachteiligt war; deshalb schlug er eine Kürzung um dreihundert bis fünfhundert Jahre vor, nachdem er sich vierzig Jahre lang damit beschäftigt hatte. Seine Verbesserungen kamen zu spät, sie wurden abgelehnt. Das Beispiel zeigt nur, wie schwimmend oder schwammig die Jahreszählung seinerzeit noch war und auf welche theologische Kriterien sie gegründet ist.

Moderne Chronologie

Geschichtsschreibung ist eine weiche Wissenschaft, schlammig wie ein sumpfiges Gelände. Aber sie hat ein hartes Rückgrat – das Jahreszahlengerüst, in dem wie in einem großen Kasten alle Ereignisse eingeordnet werden, und zwar nicht nur, ob sie früher oder später stattgefunden haben, sondern auch, wie lange die einzelnen Geschehnisse vor heute liegen. Ohne dieses Gerüst wäre Geschichtswissenschaft überhaupt nicht möglich. Selbst die mit völlig ungewissen Zeiträumen und Abständen arbeitende Vorgeschichte hat sich mittels irgendwelcher – meist nicht genauer definierter – Kriterien eine Zeitskala geschaffen, denn ohne diese wäre eben auch Vorgeschichtsschreibung undenkbar.

Bei der Erkundung der Chronologie und ihrer Entstehungsweise stößt der Forscher zunächst auf den sonderbaren Umstand, daß es für diesen so überaus wichtigen Zweig der Geschichtsschreibung keine eigene Disziplin im akademischen Betrieb mehr gibt. Man hat sich auf eine Zeitberechnungsart geeinigt und übernimmt diese seit fast zwei Jahrhunderten ohne ernste Zweifel. Ludwig Ideler faßte 1826 mit seinem zweibändigen »Handbuch zur mathematischen und technischen Chronologie« in Berlin zusammen, was man bis dahin für richtig hielt, und außer für die Geologie und Paläobiologie änderte sich seitdem nichts Wesentliches mehr an diesem Konzept. Hinzu kam nur noch die maßlose Ausweitung der Erdgeschichte auf viele Jahrmillionen durch Lyell und Darwin, wobei man sich darüber im klaren war: Wollte man Darwin Recht geben, dann mußte man von den längst als unhaltbar erkannten 6000 Jahren für das Alter der Erde abgehen und die geforderten ungeheuer langen Zeiträume von vielen hundert Millionen Jahren akzeptieren.

Es gab gar keinen Beweis für diese langen Zeiträume, auch keine vernünftige Erklärung für zahlreiche Phänomene wie die Bildung von Steinkohle oder die Entstehung der Eiszeiten, doch man einigte sich auf Darwins und Haeckels Theorie und wartete, bis die Gegner (wie etwa Virchow, der große Berliner Arzt, Archäologe und Politiker) gestorben waren. Die Wissenschaften funktionieren ohnehin nur auf demokratische Weise: Was der Mehrheit einleuchtet, gilt als erwiesen.

Man war zudem auch fleißig und schuf verschiedene naturwissenschaftliche Methoden, um das sogenannte absolute Alter eines Fundgegenstandes zu ermitteln, zunächst die astronomische These für die Geschichte des Alten Ägypten, dann die schwedische Warventheorie, die mit den Ablagerungen in Seen rechnet, bald auch die Dendrochronologie, die die Jahresringe der Bäume zählt, und schließlich rein technische Verfahren wie die Messung von Strahlung und Isotopen, also die Thermoluminiszenzprüfung und die Radiokarbonmethode, C14 genannt. Die technischen Methoden mußten noch an irgendeinem vorliegenden Zeitstrahl geeicht werden, um vernünftige Ergebnisse zu bringen, und damit konnten sie natürlich nur die schon bekannten Zahlenwerte (innerhalb enger Grenzen) wieder hervorbringen. Gerade die C14-Methode, die man für eine rein technische Prüfweise halten könnte, schnitt hierbei am schlechtesten ab, da gar zu viele Umstände die Ergebnisse verzerrten, weshalb man sie kurzerhand an der Baumringzählung eichte (»kalibrierte«), was nun zwar keine eigenständigen Daten mehr ergibt, aber doch verwertbare innerhalb der bekannten Datierungen. Wenn man nun noch weiß, daß die Baumringjahre großenteils erst durch C14-Jahre vorbestimmt wurden, dann merkt man schon, wie sich hier die Schlange doppelt in den Schwanz beißt: erst einmal, weil das gesamte theologisch erstellte chronologische System den technischen Methoden zugrunde liegt, und zweitens, weil diese technischen Methoden noch untereinander verzahnt sind. Man kann dies den doppelten Zirkelschluß der modernen Chronologie nennen (wie es Blöss und Niemitz in ihrem grundlegenden Buch 1997 taten).

Kritiker der Geschichtsschreibung

Eine Aufzählung der kritischen Historiker wie Jean Hardouin (1646-1729), französischer Jesuit und Schöpfer der Konzilsgeschichte, oder Edwin Johnson, englischer Geschichtsprofessor, der 1894 ein wichtiges Werk über die Paulsbriefe schrieb, wäre in diesem kurzen Rahmen nicht möglich. Man sollte sich darüber in den zahlreichen Büchern und Aufsätzen unserer Gruppen kundig machen. Nur einen will ich hervorheben, weil er uns leicht zugänglich ist (bei Bohlinger) und im 20. Jahrhundert den wichtigsten Anstoß zur neuen Fragestellung gegeben hat: den ›Außenseiter‹ Wilhelm Kammeier (1889-1959).

Er erkannte, daß eigentlich alles gefälscht ist, was uns an Diplomen aus dem Mittelalter vorgelegt wird. Dabei baute er auf viele Koryphäen auf, ich nenne stellvertretend nur die besten wie Wattenbach, Bernheim, Krusch und Bresslau. Diese schlichte deutsche Philologenarbeit des 19. Jahrhunderts konnte nie widerlegt werden. Sie wurde breit aufgenommen und war überall lesbar: »Kurz gesagt, fast alle ›urkundlich‹ beglaubigten Forderungen der römischen Kirche beruhen auf Urkundenfälschungen.« (Rosenberg S. 524, Anm.)
Die von Kammeier behauptete Große Aktion, nämlich die Fälschung unserer Geschichte im Hochmittelalter und der Renaissance, wurde zu einer der Grundlagen unserer neuen Chronologiekritik, auch wenn Kammeier selbst noch nicht das Ausmaß der Umwälzung vorausgesehen hat. Leider ist Kammeier fast unbekannt verhungert und wurde seinerzeit abgelehnt. Das macht einen Überblick über seine Arbeit nötig.

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Papst Alexander VI.

asteroids_comets17_04 Kammeiers Forschung ist eine akribische Untersuchung der vorhandenen Abschriften mittelalterlicher Urkunden; er fand heraus, daß keine Originale und auch keine direkten Kopien dieser Originale erhalten sind, sondern immer nur sogenannte Zweit- oder Drittabschriften, die sich stets in bestimmten Punkten unterscheiden, was Absicht sein dürfte. Außerdem werden in den Urkunden meist mehrere Jahreszahlen genannt, die aber nicht zur Übereinstimmung gebracht werden können. Auch das ist verdächtig.

1991 hat Hans-Ulrich Niemitz die Bücher von Kammeier in unserem Kreis vorgestellt und auch einige ihrer Schwächen kritisiert. Doch der nackte Tatbestand, den Kammeier aufdeckte, ist so deutlich, daß man erschrocken innehält. Es gibt nämlich von keinem wichtigen Dokument oder literarischen Werk des Mittelalters die Originalhandschrift, nicht einmal die den verschiedenen Kopien zugrunde liegende »gemeinsame Vorlage«. Die erstellten Stammbäume der überlieferten Kopienketten zeigen dies mit beharrlicher Sturheit. Auf Zufall ist das angesichts einer dermaßen großen Zahl nicht mehr zurückzuführen. Kammeier zieht den Schluß: »Die vielen angeblich verlorengegangenen ›gemeinsamen Vorlagen‹ sind in Wahrheit niemals vorhanden gewesen.« (1980, S. 138).
Dann beschäftigt er sich mit dem Inhalt der »Urkunden« und findet heraus, daß ein praktischer Zweck für diese Fälschungen ausgeschlossen werden muß, denn man konnte sie nie vor Gericht als Beweis anführen. Auch die ungeheure Menge an gefälschten Urkunden läßt aufhorchen. Einige hier und da eingestreute Fälschungen hätte man zu erwarten, nicht aber den umgekehrten Fall: Es gibt fast keine echten Urkunden. Die Fälschungen sind oft äußerst schlecht ausgeführt, wobei nicht einmal die Schrift in sich stimmt. Oft wurde auf abgeschabten älteren Pergamenten neu geschrieben. Dergleichen Nachlässigkeit verstößt gegen alle Regeln der Fälscherzunft. Vielleicht sind die zahlreichen Überschreibungen von älteren Pergamenten (›Palimpsest‹) aus dem Bemühen zu erklären, möglichst »echte« alte Schreibunterlagen zu verwenden.

Ohne Übertreibung kann man sagen, daß Wilhelm Kammeier die eigentliche Triebfeder der neuen Chronologierekonstruktion in Deutschland wurde. Seit 2003 ist endlich das Gesamtwerk wieder allgemein zugänglich. Jeder Geschichtsstudent und erst recht jeder Historiker sollte es lesen!

Nach seinem ersten großen Wurf 1935, der sogar von Arthur Drews gefördert wurde, gab Kammeier fünf einzelne Hefte heraus, die erst später als Band II zusammengefaßt wurden. Am Schluß des ersten Heftes (1936) betont Kammeier das Problem der Jahreszahlen mit den Worten: »Aber diese Schaffung der neuen mittelalterlichen Chronologie gleichsam aus dem Nichts war der allerschwierigste Punkt der universalen Aktion, und nach dieser Seite hin ist sie denn auch kläglich gescheitert.« (S. 80) Kammeier erklärt dann, wie sich die Mönche behalfen, um dieses Problem wenigstens notdürftig zu vertuschen: Sie nahmen Zuflucht zur elastischen Datierung, indem sie mehrere sich widersprechende Daten einführten, aus denen dann jeweils das ›richtige‹ zu Diensten war, wenn es gebraucht wurde. Die sich widersprechenden und die offen gelassenen Datumsangaben sind also mit voller Absicht geschaffen, sagt Kammeier, denn nur so konnte die unmöglich zu lösende Aufgabe der Erstellung einer echten Chronologie umgangen werden.

So sind die Wortführer der ›Monumenta Germaniae historica‹, die Verwalter der deutschen Geschichte, übereingekommen, daß die meisten Urkunden des Mittelalters als Fälschungen ausgeschieden werden müssen, ohne daß sie dabei geklärt hätten, was diesen unfaßbar großen Berg an Fälschungen denn ausgelöst hat. Auf der Historikertagung 1986 in München, die das Problem der Urkundenfälschungen im Mittelalter betraf, erkannte man sehr wohl, daß die Arbeit der letzten hundert Jahre praktisch eindeutig ergeben hatte, daß fast alles gefälscht ist, was vor 1400 n. Chr. geschrieben worden war. Man mußte Wilhelm Kammeiers Entdeckungen unausgesprochen bejahen. Aber man folgte ihm nicht in der Schlußfolgerung: daß nämlich Unkenntnis der Geschichte dazu gezwungen hatte, derart pietätlos vorzugehen. Man fand überhaupt keine sinnvolle Antwort auf die Frage, was denn die tausend Mönche und Theologen bewogen haben mochte, jahrhundertelang Fälschungen zu produzieren.

Mit anderen Worten: der kleine Schritt zur Katastrophentheorie ist den Akademikern in Deutschland bis heute nicht gelungen.

Die Katastrophentheorie als Grundlage

Unsere jetzige Chronologiekritik setzt nicht mehr dort an, wo man Pharaonen verschieben könnte oder das Geburtsdatum Jesu um sieben Jahre vorverlegt, wie so gerne diskutiert wurde, sondern grundsätzlich bei der Frage: Was ist geschehen, daß wir keine chronologischen Aufzeichnungen und keine feste Vorstellung von der abgelaufenen Zeit haben? Warum muß die Geschichte vor 1500 n. Chr. so mühsam rekonstruiert werden und warum enthält die Rekonstruktion so große Fehler?

Eine Antwort auf diese Grundfrage bietet nur die Katastrophentheorie, und die war vor einigen Jahren noch gänzlich verpönt an den Universitäten, weshalb es unsere akademischen Kollegen so schwer hatten, in ihren Kreisen für die neuen Gedanken zu werben. Inzwischen hat da ein Wandel eingesetzt, der Hoffnung macht, daß unsere revolutionierenden Erkenntnisse diskutiert werden können.

Aber die Zeitrekonstrukteure, Chronologiekritiker oder Geschichtsanalytiker, wie die einzelnen Forscher sich bezeichnen, sind sich in diesem Punkt auch nicht einig. Während die Gruppe um Heinsohn, die ja speziell von Velikovskys Katastrophentheorie ausging, mit Nachdruck darauf besteht, daß die Katastrophen ein Thema ferner Vergangenheiten sind und weder mit dem Mittelalter noch mit der unmittelbaren Zukunft etwas zu tun haben, ist meine eigene Ansicht weniger zurückhaltend. Christoph Marx folgend nehme ich an, daß unser Blick rückwärts bei etwa 650 Jahren vor heute stark begrenzt wird durch einen Einschnitt, der zumindest für Europa dermaßen verheerend war, daß alle davorliegenden Ereignisse nur noch nebelhaft durchschimmern.
Diese letzte Katastrophe war eher klein, wenn man sie mit früheren Ereignissen dieser Art vergleicht (über die ich 1977 schrieb), aber sie war immer noch so überwältigend, daß Beschreibungen wie Erdbeben, Vulkanausbrüche und Seuchen nicht ausreichen. Etwas Gewaltiges von kosmischer Art, die ganze Erde betreffend, muß sich abgespielt haben. Diese Bahnverschiebung der Erde wird eine elektromagnetische Ursache haben, die hier nicht näher erörtert werden soll.

Dabei ist das Jahr 1350 AD nur als ungefährer Anhaltspunkt festzuhalten, weil es später durch die Kirche als erstes Jubeljahr bezeichnet wurde, wobei es sich um eine Rückprojektion handelt. Woran man als geschichtsorientierter Europäer bei diesem Datum zuerst denkt, das ist die große Pest, die etwa 1348 eindrang und in den folgenden zwei bis drei Jahren den gesamten Kontinent Eurasiens heimsuchte und ein Drittel aller Menschen hinraffte. In den Städten mit ihrer unzureichenden Hygiene war die Verlustrate höher als auf dem Lande, weshalb die höhere Kultur für längere Zeit zerstört und unterbrochen war.

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Karl IV. erteilt die Goldene Bulle

Bekannt sind auch die zahlreichen Himmelserscheinungen von Meteoren, Sternregen, Kometen und Leuchtbändern (Nordlicht), von denen die Zeitgenossen berichteten; auch von einer lange anhaltenden Dunkelheit ist die Rede, wodurch Mißernten und Seuchen beim Vieh ausgelöst wurden. Bekannt ist weiterhin die große Manntränke im Nord- und Ostseeküstenbereich, bei der große Landstücke bis hinauf zur Doggerbank für immer in den Fluten versanken. Vineta, die größte Hafenstadt des Nordens, dürfte damals untergegangen sein. Dazu gehört auch das große Erdbeben, das in Süddeutschland und der Nordschweiz weite Gebiete zerstörte, weshalb in den nächsten Jahren überall neue Städte gegründet werden mußten. Ein Geologe nimmt neuerdings an, daß der Oberrheinische Grabenbruch damals entstand oder weiter abgesenkt wurde. Der Neuanfang läßt sich allerorten belegen, besonders auch in politischer Hinsicht: 1356 wurde erstmals schriftlich festgelegt, wie und von wem der deutsche Kaiser gewählt werden solle; man nennt dieses Schriftstück die Goldene Bulle, golden, weil man wünschte, daß es ewigen Bestand haben möge. Die Furcht vor einer Wiederholung der schrecklichen Ereignisse war noch mindestens ein Jahrhundert lang weitverbreitet, wie aus unzähligen Flugblättern des 15. Jahrhunderts hervorgeht.

Später begann man mit Ausgrabungen der Ruinen, was man als erste archäologische Tätigkeit bezeichnen kann, und versuchte, sich ein Bild der vorherigen Zeit zu machen. Die Päpste waren daran durchaus sehr interessiert, denn dabei ergab sich die Möglichkeit, diese Vorgeschichte entsprechend den eigenen Wünschen zu ändern, die Lücken zu füllen und – später durch die Inquisition in grausamster Weise – die Reste der Erinnerung auszulöschen.

Durch die Erfindung einer neuen Geschichte vor diesem Einschnitt und für die ersten Generationen danach gelang es den monotheistischen Religionen, den Schock zu überdecken und ein Bewußtsein von Kontinuität und himmlischer Gesetzmäßigkeit zu erzeugen. Nur auf diesem Boden konnten die christlichen Lehren Fuß fassen, die uns bis heute den Blick umnebeln. Und damit ist eine der wichtigsten neuen Aussagen formuliert: Das Christentum entstand nach 1350.

Entstehung des Christentums

Kammeier hatte die Entstehung der christlichen Kirche sehr anschaulich beschrieben. Er setzte beim sogenannten babylonischen Exil der katholischen Kirche an, nämlich der Zeit der Päpste in Avignon in Frankreich im 14. Jahrhunderts.  Dort, sagt er, ist die Kirche erst entstanden. In den darauffolgenden Konzilien von Pisa, Basel und Konstanz wurde dann aus den unterschiedlichen frühchristlichen Bewegungen eine einheitliche Kirche gestaltet, die schließlich in Rom ihren Sitz nahm. Den Abschluß dieser Entstehungsphase bildet das Konzil von Trient um 1560, wie Edwin Johnson herausfand. Damit sind die Thesen von Hardouin voll bestätigt, der ja selbst die früheren Konzilstexte geschrieben hat.

Gegen diese Ansicht wird häufig eingeworfen, daß doch die romanischen Kirchen und die gotischen Kathedralen noch vor uns stehen und ein früheres Christentum auch in Mitteleuropa bezeugen. Für die romanischen Kirchen hat sich nun durch unsere Forschungen ergeben, daß einige zwar älter sein mögen als der letzte große Ruck (vor 650 Jahren), zumindest in ihren Grundfesten oder in der Anlage, daß sie aber keine christlichen Kirchen waren, wie sich aus der Bauweise und dem Fassadenschmuck eindeutig ablesen läßt. Sie waren Gerichtsgebäude einer früheren Religion, die mit dem bekannten Monotheismus nichts zu tun hat, schon gar nicht mit dem Christentum.

Und was die gotischen Kathedralen betrifft, so sind sie sehr viel später zu datieren. Keine wurde vor dem 15. Jahrhundert begonnen, die meisten sind erst im 16. Jahrhundert dem Gottesdienst geweiht worden, und das war dann schon fast ein normierter christlicher Gottesdienst.
Gefragt wurde auch immer, wie denn die alten Bibelhandschriften zu erklären seien. Tatsache ist, daß es kein echtes Exemplar einer Bibelhandschrift vor 1400 gibt. Vollbibeln mit den kanonischen Texten gibt es erst aus dem 16. Jahrhundert, was nun ein Beweis besonderer Art ist: Wenn die ersten Bibeln um 100 n. Chr. geschrieben wären, dann müßten wir entsprechend der großen Zahl von Klöstern und Kirchen im Orient und Abendland aus anderthalb Jahrtausenden Zigtausende von Bibelhandschriften haben. Dagegen steht die Aufzählung von ganzen vier Stück, die älter als das 5. Jahrhundert sein sollen. Eine davon wurde erst gegen 1450 in Konstantinopel gefunden, eine andere erst 1859 auf dem Sinai. Die letztere habe ich (2001) als Fälschung seitens Tischendorfs ausgeschieden.

Die schrittweise Christianisierung Europas vor fünfhundert Jahren ist an vielen alten Texten und Bildern ablesbar, ich habe zahlreiche Hinweise vorgeführt. Mit dieser Feststellung, daß Europa erst seit einem halben Jahrtausend christlich ist, wird nun nicht etwa ein theologischer Streit vom Zaun gebrochen, sondern unser gesamtes Geschichtsbild umgestaltet. Das Vertrauen in die Schulgeschichtsschreibung ist verlorengegangen, eine ganz anders geartete Vorstellung wird sich durchsetzen.

Das betrifft selbstverständlich nicht nur unsere Ansicht vom Mittelalter und der Antike, sondern auch von fernen Kulturen wie der chinesischen oder die sogenannten Sumerer, und ganz besonders natürlich die Vorgeschichte. Da betragen die Verschiebungen möglicherweise Jahrtausende, wie ich in meiner Untersuchung der frühen Metallzeit vorschlage (horra, 2003).

Nachtrag: Auf Literaturnachweise zu den einzelnen Aussagen habe ich fast ganz verzichtet, man möge diese in meinen Büchern nachlesen, von denen ich die zum Thema gehörigen hier aufzähle. Speziell Aufschluß geben die beiden Bände von 1998 und 2006.

(1977) Das Erbe der Giganten. Untergang und Rückkehr der Atlanter (Olten und Freiburg)
(1993) Das letzte Buch. Die Bedeutung der Offenbarung des Johannes (München)
(1998) Die »Große Aktion«. Europas erfundene Geschichte (Tübingen)
(1999) Erfundene Geschichte. Unsere Zeitrechnung ist falsch (München)
(2001) Fälschungen der Geschichte. Von Persephone bis Newtons Zeitrechnung (München)
(2003) ZeitFälschung. Es begann mit der Renaissance (München)
(2003) horra. Die ersten Europäer (Tübingen)
(2006) Kalendersprung. Europas Religionswechsel um 1500 (Tübingen)
Einige Bücher sind ins Russische, Ungarische, Bulgarische u.a. Sprachen übersetzt.
Auf unserer website www.chronologiekritik.net findet man zahlreiche Artikel in vier Sprachen von sieben Mitarbeitern. *

Uwe Topper

Quelle: http://www.parzifal-ev.de/index.php?id=216



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