Die venezianische Verschwörung – Teil II

von Webster Griffin Tarpley – Auszüge in einer Übersetzung von politaia.org

(Rede am Ostersonntag 1981 vor der ICLC-Konference bei Wiesbaden ; (erschienen im Campaigner, September 1981)

Hier der erste Teil: http://www.politaia.org/wirtschaft/banken/die-venezianische-verschwoerung/

Im Mittelalter waren die Venezianer als die Archetypen des Parasiten bekannt, die Leute, die “weder sähen noch ernten” In den Augen der Griechen waren sie die “Sumpffrösche”. …….

Wunder des hl. Markus, 1548, Accademia, Venedig_von_Tintoretto
Wunder des hl. Markus, 1548, Accademia, Venedig von Tintoretto

Etwas näher an der Essenz von Venedig liegt das Wahrzeichen der Stadt, der geflügelte Löwe von St. Markus, der die irreführende Inschrift trägt “Pax Tibi Marce, Evangelista Meus” (“Friede mit Dir Markus, mein Evangelist”). Der chimärenhaft geflügelte Löwe stammt aus dem Osten, entweder aus Persien oder aus China. Das Wahrzeichen ist unverhohlen heidnisch, dem der Heilige Markus wegen dessen angeblichen Besuch der venezianischen Lagunen als Beiwerk dient. Um die Geschichte etwas zu untermauern, stahlen die Venezianer den Leichnam von Markus aus dem ägyptischen Alexandria und Tintoretto hat zur Feier der Tat dazu ein Gemälde erstellt.

 

Francesco Guardi-Haremszene_1762Alvise Mocenigo
Francesco Guardi – Haremszene erstellt 1763 anläßlich der Wahl von Doge Alvise IV Mocenigo

 

 

Der springender Punkt ist die Orientierung Venedigs nach Osten, zur Levante, nach Kleinasien und den Fernen Osten hin, zu ihren Verbündeten unter den Asiaten und speziell zu den chinesischen Oligarchen, die ihre Partner in Krieg und Frieden waren. Dies zeigt sich in allerlei seltsamen, halb-orientalischen Gewohnheiten des venezianischen Lebens; am meisten sticht das bei dem abgeschotteten orientalischen Status der Frauen hervor; der Doge Mocenigo hielt sich noch gut in die moderne Zeit hinein stolz einen Harem.

Venedig liegt nahe der Linie Lübeck-Triest……….

venedig 1575 In diesen Teil der nördlichen Adria münden die Flüsse aus den südlichen Dolomiten und der julischen Alpen; der größte ist der Po. Diese Flüsse bildeten um 300 n. Ch. einen kontinuierlichen Gürtel von Sümpfen und Lagunen von etwa 15 km Breite, der sich von Ravenna bis nach Istrien hinzog, wo sich heute die jugoslawisch-italienische Grenze befindet.

Im Zentrum dieses Systems lag Aquilea, der Ausgangspunkt einer wichtigen Nord-Süd-Handelsstrasse, die über den Brenner in das Donautal und nach Böhmen führte. Aquilea war der Sitz des Patriarchen der Christlichen Kirche, deren Tradition aber überwiegend heidnisch war und sich über Rituale des alt-ägyptischen Isis-Kultes äußerte. Für eine gewisse Zeit nach dem Jahre 404 war Ravenna – und nicht Rom – die Hauptstadt des Weströmischen Reiches. Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches war Ravenna der Sitz des Ostgotenkönigs Theoderich, an dessen Hof sich Boetius aufhielt. Später wurde Ravenna zur Hauptstadt eines Teils von Italien, das von Byzanz regiert wurde.

Die Inseln der Lagunen sorgten für ein ungestörtes Rückzuggebiet – vergleichbar mit der Schweiz im Zweiten Weltkrieg – für römische Aristokraten und andere, welche den Kriegspfaden der Goten, Hunnen und Langobarden entfliehen wollten. Bereits zwischen 300 und 400 n. Ch. lassen sich die Spuren von Familien nachweisen, deren Namen später Berühmtheit erlangten: Candiano, Faliero, Dandolo. Die Legende erzählt, dass eine große von Flüchtlingen während der Hunneneinfälle Attilas im Jahre 452 eintraf. Diverse Areale in den Lagunen wurden kolonisiert, einschließlich dem heutigen Gebiet Torcelle, bevor der Sitz der Verwaltung auf einer Inselgruppe festgelegt wurde, die als Rivus Altus (rivus altus = hohes Ufer) und später als Rialto bekannt wurde, da, wo sich heute die Stadt Venedig befindet. Der offizielle Gründungstermin der Stadt (Ab Urbe Condita) ist der 25. März im Jahre 721 n. Ch.

Paoluccio Anafesto, der erste Herrscher der Lagunengemeinden, mit dem Titel Doge (das venezianische Äquivalent des lateinischen Dux oder des florentinischen Duce = Herzog, Führer), soll im Jahre 697 gewählt worden sein. Die wichtigste Sache während dieser gesamten Periode ist die Tatsache, dass der Welpe, der später zu Venedig wurde, überlebte und Dank seiner engen Verbindung mit dem üblen Kaiser Justinian in Konstantinopel heranwuchs. Die Allianz wurde in späteren Jahren durch Heiraten zwischen dem Doge und anderen führenden venezianischen Oligarchen  mit dem Adel in Byzanz untermauert, wo es eine Fraktion gab, welche die sinistren Traditionen des römischen Senats für weitere tausend Jahre nach dessen Fall 476 in Rom weiterführte.

Die venezianischen Familien teilen sich in zwei Kategorien auf. Zuerst kommen die ältesten Familien – auch Longhi genannt – die ihre vornehme Herkunft  auf weit vor das Jahr 1000 zurückführen. Unter den Longhi befinden sich viele Namen, die den Studenten der europäischen Geschichte in schlechter Erinnerung sind: Dandolo, Michiel, Morosini, Contarini, Giustinian (möglicherweise verwandt mit dem gerade beschriebenen byzantinischen Kaiser), Zeno, Corner (oder  Cornaro), Gradenigo, Tiepolo und Falier. Bis 1382 hielten diese alten Familien das Monopol für das Amt des Dogen. Ab dieser Zeit mussten sie den Curti – den Emporkömmlingen – den Zutritt zum höchsten Staatsamt zugestehen. Nach dieser Zeit gewannen weitere Familien an Einfluß, wie die Mocenigo, Foscari, Malipiero, Vendramin, Loredano, Gritti, Dona und die Trevisan.

Diese Familien und der von ihnen aufgebaute Staat wurden durch ihren parasitischen Handel reich, besonders durch den Ost-West-Handel, der sich vorwiegend über die Rialto-Märkte ergoss. Aber es gibt einen tieferen Hintergrund, den zu verdecken gerade die abfälligen Erzählungen über die Gewürzhändler dienen. Die primäre Basis für den venezianischen Überfluss bildete die Sklaverei. Die Sklaverei wurde ganz selbstverständlich gegenüber Sarazenen, Mongolen, Türken und anderen nicht-christlichen Völkern ausgeübt. Zudem – und das ist beweiskräftig dokumentiert – war es venezianische Praxis, Christen in die Sklaverei zu verkaufen. Dazu gehörten Italiener und Griechen, die als Galeerensklaven hochgeschätzt waren. Es waren auch Deutsche und Russen dabei, letztere wurden von  Tana aus eingeschifft – dem venezianischen Außenposten an der Donmündung in der hintersten Ecke des Asowschen Meeres. In späterer Zeit kamen auch Schwarzafrikaner auf die Liste und wurden schnell zur Modeerscheinung unter den Adeligen der Republik.

Die politische Ökonomie des Skalvenhandels

Während der Jahre des venezianischen Überseeimperiums wurden Inseln wie Kreta, Korfu, Zypern, Naxos und kleinere Eilande in der Ägäis mit Sklavenarbeit betrieben. Das geschah entweder direkt unter dem venezianischen Regime oder unter der privaten Verwaltung eines venezianischen Oligarchenklans, wie den Corner, die ihren Reichtum der Sklaverei verdanken. In späteren Jahrhunderten wurden die Harems im gesamten ottomanischen Imperium – vom Balkan bis nach Marokko –  mit venezianischen Sklaven beliefert. Die Elitetruppen der der türkischen Armeen, die Janitscharen, wurden ebenfalls zum Großteil durch venezianische Händler rekrutiert. Ein Teil des venezianischen Hafengeländes heißt heute noch Riva Degli Schiavoni – Sklavendock.

Um 1500 stellte der führende Admiral der Serenissima Repubblica, der Oligarch  Cristofor da Canal ein Werk zusammen – er nannte es einen platonischen Dialog – über die relativen Vorzüge von Galeerensklaven: die Italiener kamen am schlechtesten weg, die Dalmatiner schon besser, aber die Griechen waren unter allen die besten und robustesten, allerdings auch die dreckigsten und widerwärtigsten. Im 17. und 18. Jahrhundert hatte Venedig vertragliche Beziehungen mit anderen Staaten, wie z. B. mit Baiern, unter denen Verurteilte an die Serenissima geliefert wurden, um dort lebenslang als Galeerensklaven zu arbeiten.

Nicht unterscheidbar von Operationen zur Menschenjagd für den Sklavenhandel waren Piraterie und Freibeuterei, die anderen Klammern der venezianischen Wirtschaft. Kriege mit Genua oder anderen Mächten waren gerne gesehene Gelegenheiten, die gegnerischen Schiffe mithilfe von vielen Korsaren zu plündern; ein Sieg oder eine Niederlage  hing normalerweise mehr vom Erfolg der Plünderung ab, als vom direkten Kampf der Galeeren, Koggen und Soldaten auf den Schlachtschiffen.

Die Piraterie wirft unmerklich ihre Schatten auf den normalen Routinehandel.  Über jahrzehntelangen Verrat und Chaoserzeugung gelang es den Venezianern, sich als den führenden Umschlagshafen im Mittelmeer zu etablieren, an dem der Großteil der strategischen Güter der Welt zum Verkauf, Lagerung und Weitertransport angelandet wurde. Was London bis zum Jahre 1914 war, das war Venedig zu diesen Zeiten. Die wichtigsten Güter waren Gewürze und Seide aus Indien und China, welche für die Märkte in Zentral- und Westeuropa bestimmt waren. Im Gegenzug produzierte Europa Textilien und Metalle – insbesondere Edelmetalle – für den Export in den Osten.

Von den ersten Anfängen bis zum Ende gab es in Venedig so gut wie keine Produktion, sieht man von Salz und den Glasmanufakturen von Murano ab. Die Rolle des venezianischen Händlers ist die eines profitierenden Mittelsmanns, der Käufer und Verkäufer über den Tisch zieht und seine Monopolstellung im Handel und Transport durch Kriegsgaleeren absichert.

Die Venezianer betrieben den Handel ironischerweise auf dirigistische Weise. Venedig behauptete ein Monopol bei Handel und Schifffahrt in der nördlichen Adria. Die Funktionäre der Serenissima organisierten die Handelsflotten, welche ein- oder zweimal pro Jahr in die wichtigen Häfen geschickt wurden. Die Galeeren wurden vom Regime in dessen eigenen Schiffswerften gebaut, im sogenannten Arsenal, der über Jahrhunderte größten Fabrik der Welt. Sie wurden bei einer Art Auktion an einzelne Oligarchen oder Oligarchenkonsortien vermietet. Jedes Detail beim Einsatz der Galeerenflotten, auch die Verpflichtung, im Konvoi zu fahren, war durch strikte staatliche Regularien vorgeschrieben.

In der Glanzperiode Venedigs wurden die Galeerenflotten nach Il Tana und nach Trapezunt im Schwarzen Meer gesandt, nach Kreta, Rhodos und Zypern auf dem Weg nach Beirut in der Levante, nach Tunis, Tripoli, Algier, Oran und Alexandria in Nordafrika, genauso wie an die französischen, spanischen und italienischen Westküsten-Städte. Besonders gut bedient wurde die “Romania“, eine Region, die in etwa das heutige Griechenland umfasst. Eine weitere Galeerenroute ging durch Gibraltar auf dem Weg nach Southampton, London, Antwerpen und Brügge.

Die Republik Venedig um 1500 einschließlich kurzzeitiger Besitzungen, dazu die Haupthandelswege
Die Republik Venedig um 1500 einschließlich kurzzeitiger Besitzungen, dazu die Haupthandelswege

Viele dieser Anlaufhäfen für die Galeeren weisen heute einen weiterhin existierenden venezianischen Einfluss auf. In jedem Falle versuchten die Venezianer, die Sahne vom Welthandel abzuschöpfen. Die Profitmargen mussten genügend hoch sein, um einen “traditionellen” 20%igen Zinssatz abdecken, dazu die Finanzierung der häufigen Kriege und die Prämien für die maritimen Versicherungspolicen, ein Geschäft, in dem die Venezianer Pioniere waren.

Fortsetzung folgt.

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