Die venezianische Verschwörung – Teil III

von Webster Griffin Tarpley – Auszüge in einer Übersetzung von politaia.org

(Rede am Ostersonntag 1981 vor der ICLC-Konference bei Wiesbaden ; (erschienen im Campaigner, September 1981)

Hier der erste Teil: http://www.politaia.org/wirtschaft/banken/die-venezianische-verschwoerung/

Hier der zweite Teil: http://www.politaia.org/kriege/die-venezianische-verschwoerung-teil-ii/

Die Spezialisten der venezianischen Öffentlichkeitsarbeit waren dafür verantwortlich, den deutschen Provinzhäretiker Martin Luther zu einem großen Häretikpopanz unter einer ganzen Herde von Prophezeiungs-Heiligen aufzubauen. Nicht zufrieden mit ihrer vernichtenden Operation gegen die Kirche, entpuppt sich nachher Venedig als die “Mutter” des widerwärtigen und herumziehenden Ignatius von Loyola und seines Jesuitenordens. Nach dem Konzil von Trient bildete Venedig den Mutterboden für die philosophischen Wüstlinge  der delphischen, anti-Leibnitzischen Aufklärung. Venedig übertrumpfte  Thomas Malthus und Jeremy Bentham bei der Verbreitung der britischen politischen Ökonomie und des philosophischen Radikalismus auf der ganzen Welt.

Der venezianische Staat

Die außerordentliche Stabilität des venezianischen Staates hat Historiker immer fasziniert. Wie war es möglich, die große Macht Venedigs für über eineinhalb Jahrtausende aufrechtzuerhalten, ohne Eroberung von außen und ohne signifikante Erhebungen im Innern?

Venedig blieb für ausländische Invasionen von der ersten Siedlung an bis 1797 undurchdringlich. Die monolithische Ungleichheit der venezianischen Staatsinstitutionen wurde nicht mehr als ein halbes Dutzend Mal innerhalb der Stadt in Frage gestellt; solche Vorfälle wurden schnell in Blutbädern erstickt, welche die Stabilität wiederherstellten, ohne dass es zu weiterer Gewalt kam. Diese Eigenart des venezianischen oligarchischen Systems steht im schroffen Gegensatz zu dem seiner Rivalin Genua, bei der jedes Regime in der Zeit zwischen 1300 und 1500 die Lebensdauer einer italienischen Regierung von heute aufwies. [Anm. d. Ü.: Der Vortrag stammt aus dem Jahre 1981].

Sie kontrastiert stark mit dem Papsttum, bei dem das höchste Amt alle Dutzend Jahre oder kürzer von Machtergreifungen geprägt war, in denen humanistische Fraktionen von Zeit zu Zeit die Oberhand gewinnen konnten.

Die Handelswege der Republiken Genua und Venedig
Die Handelswege der Republiken Genua und Venedig

In Venedig wurden blutige Lösungen interner Streitigkeiten innerhalb der Oligarchie auf eine Minimum beschränkt und die Energien effektiv in die Plünderung der auswärtigen Welt sublimiert. Der Drang jedes Oligarchen zur Herrschaft wurde nach außen gelenkt, nicht gegen seine parteiinternen Rivalen. In der Typologie von PlatosPoliteia” stellt Venedig eine Oligarchie dar, “mit einer Verfassung, die auf Besitz beruht, in der die Reichen herrschen und die Armen kein Mitspracherecht haben”. ………..

Venedig überdauerte so lange wegen der effizienten Subordination der Oligarchen und Familien unter die Bedürfnisse der Oligarchie als Ganzes, durch die rigorose Beschränkung des Adelsstatus auf diejenigen, die schon vor 1297 zum Adel gehörten und deren männliche Nachkommen, und weiterhin durch kontinuierlichen Terror gegen die Massen und gegen den Adel selbst.

Alle männlichen Mitglieder der etwa 150 Adelsfamilien hatten das permanente Recht auf einem Sitz im Großen Rat (Gran Consiglio), der um 1500 auf zweitausend Mitglieder anwuchs und danach langsam in seiner Mitgliederzahl abnahm. Der Sitz im Großen Rat und sein Stimmrecht waren somit unabhängig von der jeweiligen Fraktion, die gerade das Sagen hatte. Diejenigen, die gerade nicht am Hebel saßen, konnten sich ihres Sitzes im Gran Consiglio sicher sein, und in dieser Versammlung wurden die wichtigsten Organschaften des Regimes gewählt.

Die oberste dieser Organschaften war mit 120 Mitgliedern (Pregadi) der Senat, das Oberhaus, welches durch die Ernennung der venezianischen Botschafter die auswärtigen Angelegenheiten überwachte. Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts war Venedig die erste und einzige Macht, welche ständige Botschaften in allen Fürstenhöfen und Hauptstädten unterhielt. Der Senat ernannte weiterhin 5 Kriegsminister, 5 Marineminister (sogenannte Savii) und weitere sechs Savii Grandi, die im Rang noch höher standen.

Der Gran Consiglio erwählte den Rat der Vierzig, der sich anfangs um das Budget und die Finanzen kümmerte, später mehr um die Strafverfolgung. Der Gran Consiglio wählte 3 Staatsanwälte, die jeden Beamten wegen Dienstvergehen anklagen konnten und das auch machten; nur dem Doge wurde das Privileg gewährt, dass er erst nach seinem Tod verurteilt werden konnte, wobei seine Familie die auferlegte Strafe zu bezahlen hatte.

Der Große Rat wählte auch den Doge selbst in einer unglaublich byzantinischen Prozedur, die sicherstellen sollte, dass es zu einer repräsentativen Ernennung kam……….Etwas weniger komplizierte Prozeduren kamen für die Wahl der 6 Berater für den Doge zum Einsatz.

Das typischste am venezianischen System ist der Rat der Zehn, der 1310 als koordinierende Organschaft für politische Geheimdienstoperationen im In- und Ausland geschaffen wurde. In geheimen Zusammenkünften mit dem Doge und seinen 6 Beratern verfügte der Rat der Zehn die Macht, gegen jedermann innerhalb oder außerhalb der venezianischen Jurisdiktion das Todesurteil auszusprechen. Befand sich die Person in Venedig, wurde sie üblicherweise noch in derselben Nacht stranguliert und die Leiche in den Canale degli Orfani geworfen.

Der Rat der Zehn verfügte über ein sehr ausgedehntes Geheimdienstnetzwerk im Ausland, aber innerhalb des venezianischen Territoriums nahmen die Überwachungsmaßnahmen überhand: Die Inhalte jeglicher Diskussionen unter den Oligarchen oder Bürgern wurden dem Rat der Zehn routinemäßig innerhalb von 24 Stunden oder weniger zugetragen; die Informanten und Spione waren allgegenwärtig. Besucher des Drogenpalastes können noch heute die Schlitze in Form eines Löwenmauls sehen, welche sich außerhalb des Gebäudes befinden und mit “Per Denontie Segrete” (Für geheime Denunziationen) beschriftet sind …….

„Briefkasten“ für anonyme Anzeigen: Bocca di Leone am Dogenpalast
„Briefkasten“ für anonyme Anzeigen: Bocca di Leone am Dogenpalast

Gegen Todesurteile des Rats der Zehn konnte kein Einspruch eingelegt werden und die Verfahren wurden niemals öffentlich gemacht. Die Angeklagten verschwanden einfach.

Das venezianische Regime ist ein pervertiertes Beispiel für die Gewaltenteilung in der Staatstheorie; in der Tat gab es Myriaden solcher  Rückkopplungsmechanismen. Die Savii Grandi bildeten ein Gegengewicht zur Macht des Doge, der auch von seinen sechs Beratern kontrolliert wurde, während mehr und mehr Macht zu den Staatsinquisitoren und dem Rat der Zehn wanderte. Die Staatsanwälte wie auch der Senat dienten als Überwachungsorganisation für die meisten Angelegenheiten und in Krisenzeiten machte der Gran Consiglio seine Macht geltend. Der Rat der Zehn lauerte unaufhörlich im Hintergrund.

Nahezu alle Amtspersonen bis auf dem Doge wurden auf 6 Monate bis 12 Monate ernannt; strenge Vorkehrungen für die Wiederwahl zu einem Amt stellten sicher, dass eine Reihe von Monaten verging, die der Amtsperiode eines Oligarchen auf eben diesen Posten entsprach, ehe er wiedergewählt werden konnte. Das bedeutete, dass die führenden Oligarchen unaufhörlich von einem Stop auf dem Laufsteg der Ehrenämter zum nächsten gejagt wurden: Vom Savio Grande zum Berater des Doge zum Staatsinquisitor und so weiter.

Es gab keine Kontinuität in der Bevölkerungsanzahl in Venedig; die Kontinuität lag ausschließlich in der Oligarchie. In der Tat scheint die Stadtbevölkerung nicht in der Lage gewesen zu sein, sich selbst zu reproduzieren. Venedig litt unter astronomischen Sterblichkeitsraten durch Malaria und Pest – es muss daran erinnert werden, dass die Kanäle der Stadt in erster Linie als Abwasserkanäle dienten. Die dezimierte Einwohnerschaft wurden unaufhörlich von Immigrationswellen aufgefüllt, und zwar in einem Ausmaße, dass der Franzose Philippe de Comynes, ein Gegner von Machiavelli, berichten konnte, dass die Bevölkerung hauptsächlich aus Ausländern bestand.

Die innere Ordnung wurde in den 60 Gemeinden durch ein ausgeklügeltes System lokaler Kontrolle sichergestellt, das mit einem sorgfältig konstruierten Apparat von Konzerngilden (Scuole) vernetzt war. Ergänzt wurde das System von einer unaufhörlichen Parade von Festivals, Spektakel und Karnevalveranstaltungen. In der Regel waren nur wenige Truppen in der Stadt stationiert.

Soviel zu diesem Phänomen. In der Realität hatte eine Elite von 10 – 15 Familien aus den 150 Adelsfamilien das Heft in der Hand und herrschte mit eiserner Faust. Diverse venezianische Tagebuchschreiber lassen die Katze aus dem Sack, indem sie Korruption und Stimmenkauf beschreiben, speziell die Bestechung des verarmten dekadenten Adels, genannt Barnabotti, der im Gran Consiglio laufend an Zahl zunahm. Das Regime steuerte alles und Ämter aller Art wurden routinemäßig verkauft.

Diese Realität der Schieberei war auch Dante bekannt. Die poetische Geometrie des Canto 21 aus dem “Inferno“, der Gesang der Schieber oder Barattieri, wird durch eine Bezugnahme auf das venezianische Arsenal und das Pech hergestellt, dass benutzt wurde, um die Bootskörper der Galeeren einzustreichen:

Wie im Arsenal zu Venedig

Botticelli, Inferno, Aus dem Zyklus „Die Göttliche Komödie“, 1482 – 1503
Botticelli, Inferno, Aus dem Zyklus „Die Göttliche Komödie“, 1482 – 1503

kocht im Winter das klebrige Pech

um ihre lecken Boote wieder zu bestreichen

denn segeln können sie nicht.

Die Seelen der Bestechlichen sind in kochendem Pech eingetaucht, wo sie von  den  Malebranche bewacht werden, grotesken geflügelten Monstern mit Speeren und Haken: eine passende Allegorie für die Seelen der Venetianer.

Dante besuchte Venedig im Jahre 1321 in seiner Eigenschaft als diplomatischer Repräsentant des nahegelegenen Ravennas, dessen Herrscher in der Zeit sein Beschützer war. Er starb kurz nachdem er Venedig verlassen hatte. Es gibt zwei Versionen über seinen Tod: Nach der ersten Version verweigerte man ihm eine Boot, um südlich über die Lagunen zu reisen. So musste er durch die Sümpfe, erkrankte an Malaria und starb. Die zweite Version besagt, dass ein Boot zur Verfügung stand, aber die Benutzung des Bootes hätte seine sichere Ermordung bedeutet. Die venezianischen Aufzeichnungen bezüglich dieser Angelegenheit sind praktischerweise verschwunden.

(Fortsetzung folgt)

 

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