Drei Bausteine und drei Szenarien Europas

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vom Saker – Ein Interview, geführt von Juri Kondratjew mit Prof. Oleg Andrejew, übersetzt von Artur. (Quelle)

Das Abendland, Europa – was wissen wir über es, was scheint sein inhärenter Bestandteil zu sein? Was fiel uns zu diesem ein, was wollten wir uns nicht eingestehen oder schämten uns dafür? Europa ist verschieden. Es gibt ein Minimum von drei komplett unterschiedlichen Europa. Über das rasche Altern der jungen Europäischen Union, die schlechten Sitten Europas, die Lügen des westlichen Länder gegenüber ihren östlichen Partnern und das Anwachsen von seperatistischen Bewegungen erzählt in einem Interview für „Pravda.ru“ der Professor für Politologie und internationale Beziehungen, sowie Senior-Konsultant des Baltischen Zentrums für Sozialforschung in Sankt Petersburg, Oleg Andrejew.

— Oleg Alexejewitsch, was stellt heute Europa überhaupt dar? Und was ist die Europäische Union – ist sie urtümlich und zeitgemäß?

Europa hat sich in den letzten Jahren sogar geographisch verändert. Zudem ist sie innerlich, ihrer Mentalität entsprechend, inzwischen ein ganz anderes Europa. Und obwohl der Westen das nicht will, so ist es doch nicht einig, nicht gleichartig. Heute teilt sich Europa auf drei große Bestandteile; im Ganzen liegt der Kontinent innerhalb des traditionellen, geographischen Selbstverständnisses.

— Ist denn Europa überhaupt ein Kontinent? Oder sind es Ambitionen, Stolz, das Streben nach Emporhebung, und das geographische Europa ist in der Realität nur eine Halbinsel im Westen von Asien, vom Finnischen Meerbusen bis zum Asowschen Meer?

Geographisch gesehen stimmt das schon. Alles hängt von Begriffen ab. In jedem Fall ist es seit langem gebräuchlich, das Territorium des traditionellen Europa als Gebiet vom Ural bis zur Küste Portugals, von der Kola-Halbinsel bis nach Griechenland anzusehen. Heutzutage ist der Begriff breiter geworden, es spielen nun auch geopolitische Faktoren eine Rolle.

— In Europa sind nun komischerweise auch das Transkaukasien und mehrere Länder Asiens zu finden. Und überhaupt unverständlich ist die Tatsache, dass in vielen europäischen Organisationen Israel Mitglied ist…

Ja, das verwunderte mich Anfang der 1980er Jahre auch, nun habe ich mich daran gewöhnt. Geographen finden, dass Transkaukasien, natürlich, ein Teil Asiens ist. Aber es fanden sich Forscher, welche bewiesen, dass Georgien und Aserbaidschan kleine Gebiete in Europa besitzen. Noch listigere Länder sind Armenien und Zypern. Obwohl sie nicht mal annähernd in Reichweite vom geographischen Europa liegen, haben sie darauf bestanden, dass sie aufgrund ihrer Lebensweise, ihren ökonomischen Beziehungen und der Mentalität der Bevölkerung als europäisch anerkannt wurden.

Das westliche Kasachstan besitzt in der Tat ein kleines europäisches Territorium in der Nähe des Urals; deshalb bestand Kasachstan auch auf der Mitgliedschaft in europäischen Strukturen. Fraglos befinden sich Russland und die Türkei sowohl in Europa, als auch Asien. Mit Russland ist alles klar. Der europäische Teil ist der grundlegende und historisch relevante, hinter dem Ural leben bloß 8 Prozent der Bevölkerung, allerdings liegt dort auch das größte Territorium.

Die europäische Türkei stellt, als kleiner historischer Bestandteil, als thrakische Halbinsel der großen Balkanhalbinsel, nur 5 Prozent des Territoriums der modernen Türkei, obwohl dort 25 Prozent der Bevölkerung leben und sich dort die ehemalige Hauptstadt des Byzantinischen und Lateinischen Imperiums, Konstantinopel, sowie die ehemalige Hauptstadt des Osmanischen Reiches, Istanbul, befindet. Das moderne Istanbul ist nicht nur das historische und religiöse, sondern auch das wirtschaftliche und finanzielle Zentrum des Landes. Das gesamte Geschäftsleben ist dort konzentriert. Ankara ist nur die politische Hauptstadt.

Heutzutage sind im großen geographischen Europa 50 der offiziell als europäisch anerkannten Staaten mehr oder weniger selbstständig und souverän. Plus die sechs nicht anerkannten oder teilweise anerkannten staatlichen Gebilde Kosovo, Bergkarabach, Abchasien, Süd-Ossetien und die Donetzker und Lugansker Republiken. Plus neun abhängige Territorien, zum Beispiel, die Åland-Inseln im Baltischen Meer, dabei ein besonderer Teil Finnlands unter Beteiligung von Schweden; Spitzbergen, welches formal Norwegen gehört, aber von Russland und anderen Staaten genutzt wird. Insgesamt also 65 Länder.

Im heutigen Europa kann und muss man in drei grundlegende Teile nach wichtigen Anzeichen unterscheiden. Drei Europa differieren untereinander essenziell, sie haben eine jeweils andere Geschichte, Wirtschaft, Politik, Kultur, und haben sehr oft Konflikte miteinander.

Das erste Europa – ist unser Russland. Es reicht, sich ewig zu verneigen und das westliche Europa an erste Stelle zu setzen; es zerfällt, mutiert und fault vor sich hin. Bezüglich des Territoriums, der Naturreichtümer, der Bevölkerung, den Arbeitskräften, dem Militär, dem Potenzial und vielem anderen ist die Russländische Föderation das erste Europa. Praktisch Anführer in allen Belangen. Die Wirtschaft ist, in der Tat, abgesunken. In England gibt es allerdings die ehemalige [konkurrierende] Industrie schon lange nicht mehr, es sind nur die Finanzwirtschaft und der Handel mit Menschen und ihrer Bildung, ihrem Können und Wissen übrig, plus die Londoner Metallbörse. Deutschland produziert „Mercedes“, „BMW“, „Audi“ und ähnliche Technik – wer braucht sie denn noch? Alles [sämtliche Technologie] wurde schon längst aufgekauft. Und in den Fabriken an den Montagebändern arbeiten bei ihnen Türken und Jugoslawen. Sollten sie gehen, hält alles sofort an.

Also, das zweite Europa – ist die prahlerische und überschätzte Eurounion. Nach dem Brexit minus Großbritannien verbleiben 27 Länder. Die „Europäische Union“ ist eigentlich eine snobistische Selbstbezeichnung; sie stellen nur 41 Prozent der modernen Staaten Europas dar, sind also nur eine Union eines Teils von Europa. Und geschaffen wurde sie in Eile 1992, direkt nach dem Zerfall der UdSSR, eilig, nicht ganz legal, unter Umgehung der Meinungen der Völker, mit Manipulationen hinter den Kulissen und außeramtlichen Entscheidungen der Regierungen. Ihre Werte sind nicht europäische, sondern schlicht schlechte Sitten, perverse Neigungen. Eine Reihe von Ländern ist kategorisch nicht mit der Eurounion einverstanden, und die Mehrzahl der Menschen in allen Mitgliedsländern sind ihr gegenüber ablehnend eingestellt.

Das dritte Europa – ist das unentschlossene Europa, das zusammengewürfeltete. Es gibt große Länder und Kleinststaaten – Monaco, der Vatikan… In Norwegen gab es drei Referenden, aber das Volk sagte eindeutig „Nein“ zur Europäischen Union. Sie befürchteten, dass die EU das Gas, das Öl, den Fisch und andere Naturressourcen regulieren und den Mehrwert für sich behalten würde. Ihre norwegischen Vorsitzenden unterschrieben dennoch alle grundlegenden Verträge mit der EU; dementsprechend sind die Norweger Mitglieder der Schengenzone und aller Beobachtungs- und sonstiger Strukturen. Eine Reihe von unentschlossenen Ländern neigt Richtung Russland. Aserbaidschan versucht, seine eigene Politik zu führen. In der Ukraine ist das Volk für Russland, ihre regierende Spitze jedoch sieht nach Westen. So sind die Umstände, wenn auch in geringerem Maße, in vielen anderen Ländern. Deshalb hängt die Zukunft des Abendlandes vom [bzw. von der Wahl des] dritten Europa ab. Die Hauptgeige spielt in diesem immer mehr der russländische Faktor – Putin, der Kreml.

— Was gefällt ihnen an der EU, und was nicht? Welche laufenden und zukunftsweisenden Tendenzen sind in ihr erkennbar?

In der EU treten viele unangenehme Wesenszüge ans Licht: häßliche Gemüter und vulgäre Geschmäcker, Propaganda für Dinge, welche untypisch für 99 Prozent der Menschen sind. In erster Linie sexuelle Perversionen. Europa ist bei diesen Dingen schon beim Grenzwertigen angekommen: bei vielen Festen und Festivalen ist das Aufblasen von Gummifiguren von Politikern und das Hineinstecken von Fahnen in ihre Hintern oder sonstige Körperorgane anscheinend das Wichtigste [siehe z.B. beim Kölner Rosenmontagsumzug]. Wenn man Politiker kritisiert – Merkel, Trump – sind die Figuren mit Fäkalien bedeckt; irgendwelche sexuell-fäkalischen Perversionen also.

Die europäischen Professoren und Dozenten äußern schon, wie peinlich das Austreten auf die Straße ist. Wir Normalen wirken schon wie Fremde, wenn überall um uns herum nur verschiedene bisexuelle und geschlechterlose Wesen herumstreifen. Ich habe vor kurzem eine skandinavische Werbung über Strickwaren gesehen. Es sitzen zwei Personen – eine Familie – und stricken, das Bild wird langsam vergrößert; man fasst das Bild ins Auge, und es stellt sich heraus, dass hier zwei Männer stricken.

[Anders] Breivik ermordete 77 Menschen. Nun beschwert er sich im Gefängnis über die Haftbedingungen; die Bedingungen eines Drei-Sterne-Hotels genügen ihm nicht. Und sie geben sich mit ihm ab, laufen umher, verbessern die Lebensbedingungen; das wird als Humanismus dargestellt… Zu allen Perversionen wird andauernd und energisch die Toleranz propagiert; jenen gegenüber aber, welche mit ihr nicht einverstanden sind, sie kategorisch ablehnen, bei denen vepufft der Anspruch auf Toleranz sofort.

Dabei wird immer in Richtung Russland gedeutet. Der zweite Teil der hässlichen Seite ist die Aggressivität nicht nur gegenüber Russland, sondern gegenüber allen Ländern, welche die sogenannten „europäischen Werte“ nicht unterstützen. Russland ist ein christlich-orthodoxes Land. Seit wann müssen wir andere, für uns nichttraditionelle Religionen bei uns zulassen, sowie entstellte Rechte und Freiheiten bei uns einführen?! Schlagt ihr etwa nicht eure oppositionellen „Neger“, schlagt ihr sie etwa nicht tot? In den USA, kaum passiert mal was, schon schießt die Polizei. In Europa gibt es so etwas auch, aber das Wichtigste ist jetzt eine andere Grenzwertigkeit. Sie wissen nun nicht, was sie mit den Migranten tun sollen.

Die dritte Charaktereigenschaft ist die andauernde Lüge: bei den anderen (den Nicht-EU-Mitgliedern) ist alles schlecht, bei uns (in der Europäischen Union) ist alles toll. In Deutschland vergewaltigt man, in Schweden randalieren die Flüchtlinge wegen zu geringen Sozialleistungen. Aber all das wird verschwiegen, den Beschwerden und Hilferufen der eigenen Bürger gibt man kein Gehör. Und praktisch alle Medien lügen andauernd wie aus einem Mund.

— Wohin rollt die Eurounion?

Ich bin ein bescheidener, gemäßigter Euroskeptiker; ich wünsche ihnen nichts Schlechtes, denke aber, dass die Fragmentierung zunehmen wird, bis die Nähte platzen. Während des letzten Treffens der Regierungschefs der EU-Länder auf Malta wurde nicht eine einzige Entscheidung getroffen, weil die Meinungen zu allen Fragen komplett unterschiedlich sind.

Bei der Flüchtlingsfrage sind die osteuropäischen Länder mit der geltenden Prozedur nicht einverstanden. Es gibt große Meinungsverschiedenheiten bei den Sanktionen gegen Russland; viele treten für ihre Abschaffung ein. Zudem gibt es große Gegensätzlichkeiten bei Fragen zur NATO und der Schaffung einer europäischen Armee. Ich denke, dass sich die Länder allmählich von der EU in Grüppchen von eins-zwei-drei Staaten lösen werden; allerdings ist auch ein Austritt von vielen Ländern auf einmal möglich. Es kann auch ein kompletter Zerfall der EU nach Art der UdSSR eintreten, aber das ist unwahrscheinlich und es wäre für uns auch nicht von Vorteil. Wir selbst haben doch vor kurzem den Zerfall der UdSSR erlebt. Schlechtere Zeiten in unserer Geschichte gab es nicht: Armut, Chaos, eine Sauwirtschaft, ein besoffener Präsident… Ich, als Kandidat der Wissenschaft [bzw. „Doktor“], Dozent, Leiter eines Lehrstuhls bekam damals etwas mehr als 50 US-Dollar pro Monat – ein Grauen; kaum erinnerst du dich, schon erschauerst du. Genauso wird es in der EU sein; auf uns wird es allerdings auch abfärben. Die beste Variante wäre die Aufteilung in vier Teile, mit der Zuweisung von Ländern gemäß ihrer Lage zueinander und ihrer Entwicklungsstufe: eine Nordunion, eine Ostunion, eine Balkanunion und eine Westunion.

— Wie realistisch ist diese Variante? Hat das westliche Europa eine Chance?

Wahrscheinlich gibt es eine Chance. Bis zur Unterschreibung des Maastrichter Vertrages zur Gründung der EU 1992 existierte die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), welche 12 Länder beinhaltete, einen sogenannten „Binnenmarkt“. Diese Länder waren frei in der Gestaltung ihrer Politik, Kultur, etc.; gemeinschaftlich war nur ihre Wirtschaftspolitik. Das war die optimalste Variante. Ich denke, dass jetzt nach der ungerechtfertigten Ausdehnung der Union, sie sich, wie eine Chagrin-Lederhaut, wieder auf ein Dutzend Staaten zusammenziehen wird. Und das wird ein Segen für alle sein.

Im heutigen Europa existieren trotzdem zwei große Ideen. Die erste ist die Bewegungsfreiheit, aber sie wird gerademal von einem Zehntel der Menschen wirklich benötigt. Die zweite ist die ökonomische Kooperation. Wozu sollte man in jedem kleinen Land metallurgische Fabriken, Chemiekombinate und andere Industriegiganten errichten?

Diese Idee erwies sich aber als eine verlogene. Die Unternehmen der Neumitglieder der Eurounion wurden ruiniert und geschlossen, es erfolgte eine komplette Deindustrialisierung (in Form von „Reformen“; übrigens das komplette Gegenteil von dem, was die UdSSR in ihren Mitgliedsländern tat)]. Nebenbei konnten sich die westlichen Unternehmen vor neuen Aufträgen nicht mehr retten; somit lösten die westlichen Mächte ihre Probleme auf Kosten der sowieso schwachen Länder Osteuropas.

Die Europäische Union ist ein parasitärer Verband, welcher durch das Ausrauben von Drittstaaten überlebt; viele Länder des westlichen Europas saugen übrigens seit fast einem halben Jahrtausend die Ressourcen der ganzen Welt aus.

(geringfügig redigiert – Russophilus)

Quelle



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1 Kommentar

  1. Es sind nicht die politischen Staaten dieses Raumes, die Europa ausmachen, und nicht seine Wirtschaft, die derzeit das Bewusstsein der Menschen fast ausschließlich ausfüllt. Politik und Wirtschaft bilden nur die Außenseite einer geistig-kulturellen Entwicklungsströmung, aus der sie hervorgegangen sind, sie aber heute mehr verdecken als zum Ausdruck bringen. Europa ist diese geistige-kulturelle Entwicklungsströmung selbst, die in Griechenland begann, sich in Rom fortsetzte, die tiefe Spiritualität und Humanität des Christentums in sich aufnahm und schließlich die entstehenden Völker Europas ergriffen und bis heute in unterschiedlicher Weise geprägt hat.

    Siehe:
    http://fassadenkratzer.wordpress.com/2014/05/09/das-eigentliche-europa-eine-besinnung-in-den-zeiten-der-entmundigung/

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