Eine Welt ohne Katar – Thierry Meyssan

Der Sympathieträger von Katar ist Geschichte

von Thierry Meyssan

Dem plötzlichen politischen Rückzug des Katars aus der internationalen Szene war eine Woche später der Sturz von Mohamed Mursi in Ägypten gefolgt. Obwohl nur eine zeitliche Parallelität ohne kausalen Zusammenhang zwischen den zwei Ereignissen besteht, verändert ihr Auftreten radikal die Zukunft der arabischen Welt.

Innerhalb von zwei Wochen hat die Muslimbruderschaft, der Washington die Herschaft über die arabische Welt versprochen hatte, zwei ihrer wichtigsten Schaltstellen der Macht verloren. Katars Emir Hamad Al-Thani musste am 25. Juni mit seinem Vordenker und Premierminister Hamad ibn Dschasim ibn Dschabir Al Thani (HBL) abdanken. Am 3. Juli wurde Präsident Mohamed Mursi von der ägyptischen Armee gestürzt, während bald danach Haftbefehle gegen die Hauptführer der ägyptischen Bewegung erlassen wurden.

Es scheint nicht so zu sein, dass Washington mit der Abschiebung von Emir Hamad eine weitere Änderung des Regimes in Ägypten beabsichtigt hat. Die Vereinigten Staaten, welche die finanziellen Tricksereien des Emirs nicht geduldet hatten, verwiesen Katar auf den gebührenden Platz zurück: dem eines Mini-Staates. Washington hat nie die vom Emir für die Muslimbruderschaft in Kairo geleistete Hilfe noch ihre Rolle in Frage gestellt, sondern nur die Protzerei des Emirats.

Die Rolle der Muslimbrüder

Wie dem auch sei, die unerwartete und legale Machtübernahme der Bruderschaft im Juni 2012 in Ägypten ließ das eigentliche Ziel des “arabischen Frühlings“erkennen : eine neue Ära der Kolonisierung auf der Grundlage eines Geheimvertrags zwischen den Muslimbrüdern, den USA und Israel. Für die Muslimbruderschaft bedeutete dies die erzwungene Islamisierung der Gesellschaften von Nordafrika und der Levante; für Washington die wirtschaftliche Globalisierung, einschließlich massiver Privatisierungen; und für Tel-Aviv die Fortsetzung des Camp-David-Separatfriedens.

Es ist wichtig hier zu verstehen, dass damit in den Worten des libanesischen Denkers Hassan Hamadedie Bruderschaft die Speerspitze des arabischen Zionismus wurde“. Was Scheich Yusuf al-Qaradawi, der “spirituelle Berater” des katarischen Senders Al-Dschasira, auf seine eigene Weise mit seiner Predigt bestätigt: Falls Muhammad hier und heute unter uns wäre, er würde in Frieden mit den Israelis leben und die NATO unterstützen.

Die Ideologie der Bruderschaft

Diese Position wurde durch die Struktur der Muslimbruderschaft erleichtert. Obwohl sie eine internationale Koordination besitzt, besteht die Bruderschaft nicht aus einer einzigen Organisation, sondern einer Vielzahl unterschiedlicher Gruppen. Darüber hinaus gibt es verschiedene Stufen von Mitgliedschaft, jede mit ihrer eigenen Ideologie. Jedoch finden sich alle unter dem gleichen Motto: „Allah ist unser Ziel, der Koran unser Gesetz, der Prophet unser Führer, der Dschihad unser Weg und das Märtyrertum unsere höchste Hoffnung“. Außerdem berufen sie sich alle auf die Lehre von Hassan el-Banna (1906-1949) und Said Qutb (1906-1966).

De facto ist die Bruderschaft die Matrix aller Salafisten-Bewegungen (d.h., die als Gefährten des Propheten zu leben versuchen) und Takfiristen (d.h. die gegen Abtrünnige kämpfen), die mit der CIA arbeiten. So kam Ayman al-Zawahiri, Anführer der Al-Kaida, aus ihren Reihen. Als treuer US-Agent war er der Anstifter der Präsidentschaft von Hosni Mubarak, indem er die Ermordung von Anwar el-Sadat organisierte. Er ist inzwischen das geistliche Oberhaupt der syrischen Contras geworden.

Die Bruderschaft war immer schon in Minderheit in allen Staaten, wo sie sich entwickelte, auch in Ägypten, wo sie ihren Wahlsieg nur dem Wahlurnen-Boykott von 2/3 der Bevölkerung verdankte. Daher baute sie gegen die Diktaturen alle Arten von bewaffneten Gruppen auf, die versuchten, die Macht durch Gewalt oder Verheimlichung an sich zu reißen. Ihr Verhalten ist mit dem Spruch „der Zweck heiligt die Mittel “ charaktersisiert. Daher ist es schwierig, in ihrer ideologischen Entwicklung zu unterscheiden, was authentisch und was von politischer Verführung kommt. Im Falle Ägyptens zeigte sich deutlich, dass ihre demokratische Einstellung bloße Spiegelfechterei war, sie diente nur für die Zeit einer Wahl.

Obwohl die Bewegung zunächst gegen den britischen Imperialismus kämpfen sollte, kam sie sofort in Konflikt mit dem arabischen Nationalismus, dem Gegner des Imperialismus in der Region. Die Briten als Experten im Umgang mit Sekten entdeckten bald, was sie mit den Muslimbrüdern machen konnte und infiltrierten sie; weit davon entfernt, sie zu beseitigen, unterstützten sie die Brüder im Kampf gegen die Nationalisten. Noch heute ist die internationale Koordination der Brüder in London ansässig.

Der “Arabische Frühling” (seit Dezember 2010) ist im Grunde nur ein Remake der alten französisch-britischen Strategie der “Arabischen Revolte” gegen die Osmanen (1916 – 1918). Der Unterschied ist dieses Mal, dass man keine pseudo-unabhängigen Marionetten anstelle der alten osmanischen Verwaltung platzieren wollte, sondern Marionetten der Globalisierung als Verbündete.

Der strategische Rückzug des Katars

Seit dem Wechsel des Katar-Teams fließt das Geld nicht mehr in Richtung der Muslimbrüder, sei es in Syrien, Palästina, Ägypten, Libyen oder anderswo. Das Emirat konzentriert sich auf seine nationalen Ambitionen und wird $ 200 Milliarden zur Vorbereitung der Fußballs-Weltmeisterschaft in fünf Jahren ausgeben.

Dieses plötzliche Verschwinden von der internationalen Bühne lässt das Feld für die Saudis und Emiratis offen, die sich beide gleich beeilten, das neue ägyptische Regime zur unterstützen.

Umgekehrt führte die Rivalität zwischen Katar und Saudi-Arabien dazu, dass der Iran Mohamed Mursi in Ägypten unterstützt, obwohl der Iran auch Baschar Al-Assad in Syrien unterstützt. Plötzlich spürte Teheran mehr Affinität mit dem Projekt der ägyptischen Muslimbrüder, „der Islamisierung der Gesellschaft“, als mit dem der Nasser-Anhänger, Palästina von der kolonialen Besatzung zu befreien.

Letztlich entspricht der Rückzug  Katars einem Kräfteausgleich in der angelsächsischen Welt. Nacheinander haben sich die Überprüfungausschüsse der Geheimdienste im  US-Kongress und im britischen House-of-Commons gegen die Lieferung von Waffen an die “Rebellen” in Syrien ausgesprochen.

Der Fall der Muslimbruderschaft ist daher nicht nur das Scheitern der Bruderschaft, sondern auch ein Scheitern derjenigen, die in London und Washington glaubten, den Nahen Osten und Nordafrika umformen zu können, und die dort lieber Chaos haben wollten, als die Herrschaft zu verlieren.

Übersetzung
Horst Frohlich (mit sprachlichen Veränderungen durch politaia.org für ein besseres Verständnis )

http://www.voltairenet.org/article179420.html

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