Seneca – Das Leben ist kurz

El suicidio de Séneca, Historiengemälde aus dem Jahr 1871 von Manuel Domínguez Sánchez, heute im Museo del Prado

Bild oben: El suicidio de Séneca, Historiengemälde aus dem Jahr 1871 von Manuel Domínguez Sánchez, heute im Museo del Prado


Jeder kennt diesen erbaulichen Spruch, der jedoch ursprünglich ganz anders lautet: “Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir” – ein Stoßseufzer Senecas über all das überflüssige Wissen, mit dem sich der Mensch vollstopft.

Lucius Annaeus Seneca
Lucius Annaeus Seneca

Er wird dadurch zwar gelehrt, aber kein tüchtiger Mensch, der mit seinem Leben zufrieden sein kann. Das lernt er nur mit Hilfe der Philosophie; diese darf sich aber nicht in engen Schulmeinungen und spitzfindigen Definitionen erschöpfen, sie muss Seelenheilkunde sein. Der Philosoph ist ein Arzt für die Seele. Wie kann er aber in den verschiedenartigen Nöten des Daseins den Menschen helfen – wenn jemand an Armut, Krankheit, Unterdrückung, Kummer leidet?

Der Philosoph vermag keine Wunder zu tun, aber er kann dem Betroffenen zur richtigen Einstellung gegenüber dem Leben verhelfen, und damit wird dieser auch mit seiner speziellen Lebenssituation besser umgehen können. Das lehrte besonders die Philosophie, der sich Seneca verschrieben hatte, die Stoa. “In Übereinstimmung mit der Natur leben”, lautete die zentrale Formel der Stoiker. Die Natur (physis) umfasst das gesamte Universum, das von einem göttlichen Prinzip, dem logos, der “Weltvernunft”, durchdrungen ist. Auch der Mensch hat in sich einen Keim dieser göttlich-kosmischen Vernunft, den es weiterzuentwickeln gilt. Dazu muss man in seinem Tun und Denken nach dem Zustand der apatheia streben, der inneren Unabhängigkeit und Freiheit, um so die “stoische Ruhe” zu gewinnen.

Darin besteht das Glück, die eudaimonia. Eine realistische Definition dieses von allen Menschen erwünschten Zustands:

Ändern kann man das Schicksal nicht; man muss es, da es in Verbindung steht mit dem göttlichen Prinzip, bejahen und dazu alle störenden Elemente ausschalten, wie vor allem die Affekte. Zorn, Herrschsucht, Habgier, Neid, Eifersucht, aber auch übermäßige Trauer, Neigung zu Kummer und Schwarzseherei sind Hindernisse auf dem Weg zur Tugend (virtus), zur inneren Vollkommenheit. Die höchste Stufe dieser Tugend kann nur der Weise erreichen, der nach strenger stoischer Auffassung ein Ideal, nämlich das des Ausnahmemenschen anstrebt.
Doch danach streben kann jeder, und er wird merken, dass er dabei freier und damit auch zufriedener, ja glücklicher wird!

Lucius Annaeus Seneca, genannt Seneca der Jüngere (* etwa im Jahre 1 in Corduba; † 65 n. Chr. in der Nähe Roms), war ein römischer Philosoph, Dramatiker, Naturforscher, Staatsmann und als Stoiker einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit. Seine Reden, die ihn bekannt gemacht haben, sind verloren gegangen. Vom Jahr 49 an war er der maßgebliche Erzieher des späteren Kaisers Nero.

Um diesen auf seine künftigen Aufgaben vorzubereiten, verfasste er eine Denkschrift darüber, warum es weise sei, als Herrscher Milde walten zu lassen (de clementia).

Gesprochener Text:
http://www.dtv.de/_pdf/blickinsbuch/3

Veröffentlicht am 21.09.2014 – Ein Film von Freiheit durch Wissen

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2 Kommentare

  1. “Die Ausbildung des Empfindungsvermögens…”, so nennt es Friedrich Schiller, “…ist also das dringendere Bedürfnis der Zeit, nicht bloß weil sie ein Mittel wird, die verbesserte Einsicht für das Leben wirksam zu machen, sondern selbst darum, weil sie zu Verbesserung der Einsicht erweckt.”

    Erkühne dich, weise zu sein. Energie des Muts gehört dazu, die Hindernisse zu bekämpfen, welche sowohl die Trägheit der Natur als die Feigheit des Herzens der Belehrung entgegensetzen. Nicht ohne Bedeutung läßt der alte Mythus die Göttin der Weisheit in voller Rüstung aus Jupiters Haupte steigen; denn schon ihre erste Verrichtung ist kriegerisch. Schon in der Geburt hat sie einen harten Kampf mit den Sinnen zu bestehen, die aus ihrer süßen Ruhe nicht gerissen sein wollen. Der zahlreichere Teil der Menschen wird durch den Kampf mit der Not viel zu sehr ermüdet und abgespannt, als daß er sich zu einem neuen und härtern Kampf mit dem Irrtum aufraffen sollte. Zufrieden, wenn er selbst der sauren Mühe des Denkens entgeht, läßt er andere gern über seine Begriffe die Vormundschaft führen, und geschieht es, daß sich höhere Bedürfnisse in ihm regen, so ergreift er mit durstigem Glauben die Formeln, welche der Staat und das Priestertum für diesen Fall in Bereitschaft halten. Wenn diese unglücklichen Menschen unser Mitleiden verdienen, so trifft unsre gerechte Verachtung die andern, die ein besseres Los von dem Joch der Bedürfnisse frei macht, aber eigene Wahl darunter beugt. Diese ziehen den Dämmerschein dunkler Begriffe, wo man lebhafter fühlt und die Phantasie sich nach eignem Bellieben bequeme Gestalten bildet, den Strahlen der Wahrheit vor, die das angenehme Blendwerk ihrer Träume verjagen. Auf eben diese Täuschungen, die das feindselige Licht der Erkenntnis zerstreuen soll, haben sie den ganzen Bau ihres Glücks gegründet, und sie sollten eine Wahrheit so teuer kaufen, die damit anfängt, ihnen alles zu nehmen, was Wert für die besitzt? Sie müßten schon weise sein, um die Weisheit zu lieben: eine Wahrheit, die derjenige schon fühlte, der der Philosophie ihren Namen gab.

    Nicht genug also, daß alle Aufklärung des Verstandes nur insoferne Achtung verdient, als sie auf den Charakter zurückfließt; sie geht auch gewissermaßen von dem Charakter aus, weil der Weg zu dem Kopf durch das Herz muß geöffnet werden. Ausbildung des Empfindungsvermögens ist also das dringendere Bedürfnis der Zeit, nicht bloß weil sie ein Mittel wird, die verbesserte Einsicht für das Leben wirksam zu machen, sondern selbst darum, weil sie zu Verbesserung der Einsicht erweckt.

    Aus: Über die ästhetische Erziehung des Menschen – Kapitel 9, Achter Brief, Friedrich Schiller

  2. Sehr gut.
    Freiheit wird auch zutreffend auch als Fähigkeit der Selbstbestimmung bezeichnet. Der Mensch will sich selbst bestimmen und nicht von anderen bestimmt werden. Das setzt aber voraus, dass jeder Mensch potenziell die Fähigkeit hat, die Wahrheit im eigenen Denken selbst erkennen und danach handeln zu können, ohne auf eine Autorität angewiesen zu sein, die sagt, wie es ist und wie es am besten sein soll. Darin sind die Freiheit und auch die Gleichheit der Menschen begründet. Das macht ihre Würde aus. Jeder Anspruch eines der Gleichen, den anderen ihr Denken und Handeln inhaltlich vorzuschreiben, ist die hohle Anmaßung, ihnen nicht gleich zu sein, sondern höher zu stehen. Es ist daher ein Rätsel, wie man die Demokratie, in der man seine Vormünder lediglich wählen darf, als Realisierung der Freiheit bezeichnen kann.
    Siehe:
    https://fassadenkratzer.wordpress.com/2015/07/27/die-verkannte-freiheit-oder-warum-viele-menschen-unfreiheit-hinnehmen/

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