Interview mit Christoph Hörstel (Niederschrift deutsch)

” Die USA haben in vielen Jahren bewiesen, dass sie überall Menschen umbringen, wenn es ihnen Spass macht und zwar nicht nur mit Drohnen, sondern auch mit Bodenpersonal “.

Ein Interview mit  dem deutschen Nahost-Experten und Buch-Autor, Christoph Hörstel, über  Verwicklungen westlicher Länder in die interne syrische Angelegenheit.

Rundfunk: Herr Hörstel, ich darf Sie ganz herzlich begrüßen zu diesem Interview!

Hoerstel:      Ganz liebe Grüße nach Teheran lieber Herr Shahrokny.

Rundfunk:      Vielen Dank! Herr Hörstel, trotz der Waffenruhe, trotz der Anwesenheit der UNO-Beobachter gehen die gewaltsamen Auseinandersetzungen in Syrien weiter. Die Lage ist weiterhin unübersichtlich, deshalb möchte ich Sie fragen, wie Sie die gegenwärtigen Entwicklungen in diesem arabischen Land einschätzen.

Hoerstel: Ich stelle fest, dass die UNO leider intensiv daran arbeitet, ihren Ruf weiter zu beschädigen und ihrer Rolle nicht gerecht zu werden. Wir haben klare Resolutionen, in denen zu Beginn immer steht, dass Souveränität und Unversehrtheit Syriens geachtet werden sollte. Wenn aber das mächtigste UNO-Land ganz eindeutig und erklärtermaßen – ich verweise auf das Obama-Interview mit dem Atlantik-Magazin vom 3. März diesen Jahres – Terror sponsort und wir hatten in den letzten Tagen erhebliche Terrorangriffe unter anderem gegen die syrische Zentralbank. Das ist ja nun wirklich ein nicht-militärischer und nicht unterdrückender administrativer Bestandteil jeder Regierung.

Dann haben wir eine Situationen in der wir – nebenbei gesagt militärische – UNO-Beobachter im Land haben, und gleichzeitig verüben UNO-Staaten hier Terrorismus in Syrien. Das wird in keiner Weise vom Generalsekretär und sonstigen UNO-Institutionen gewürdigt und auch überhaupt nicht benannt. Überhaupt nicht, seit es diesen Terrorismus gibt und den gibt es wie wir inzwischen durch Augenzeugen Aussagen des Al Jazeera-Korrespondenten Ali Hashem wissen von Anbeginn an. Nun hatten wir in den letzten Tagen Nachrichten, die ich aus Damaskus von Informanten bekommen habe, dass die Nachfolgefirma der berüchtigten amerikanischen Söldnerfirma Blackwater, XE-Services, von ihnen ausgebildete Söldner über die syrisch-irakische Grenze bringt. Damit ist auch die letzte noch freie Grenze, die bisher nicht so stark involviert war beim Influx des Terrors nach Syrien, auch noch besetzt. Wir haben das schon über die libanesische Grenze, über die jordanische und natürlich auch über die türkische. Dort stehen wir sogar kurz vor einer kriegerischen Konfrontation, nachdem die Syrer dort sich gegenüber den Panzerbrigaden mit deutschen Leopard-Panzern und Infanterie-Brigaden, die dort von der Türkei zusammen gezogen worden sind – mit klarer Bedrohung gegenüber Syrien. Alles dies interessiert die UNO überhaupt nicht und das wäre eigentlich ihre Pflicht, wenn sie dort Militärbeobachter hinschickt. Wir haben etwas ganz anderes noch, was auch nicht unerwähnt bleiben müsste: Der Oberbefehlshaber der Beobachter-Truppe, Generalmajor Mood, ist ein Norweger, der im Libanon Dienst getan hat. Im Libanon aber haben wir enorme Anstrengungen des Westens das Land möglichst stärker unter Kontrolle zu bringen. Mit Erfolg wie es scheint, denn nun wurde er befördert nach Syrien. Durch einen Beitrag der FAZ, darüber dass der syrische Geheimdienst Syrer befragt, die mit der militärischen Beobachter-Truppe Kontakt hatten, sehen wir auch, dass wenn der syrische Staat sich verteidigt – denn immerhin sind unter den Beobachtern auch einige Italiener, Neuseeländer, Iren, also Truppenteile, bei denen man klar sagen kann, die sind dort im westlichen Interesse – dann darf der syrische Geheimdienst die eigenen Leute nicht befragen, was sie eigentlich treiben. Hier geht es ganz klar schon um die Entsouveränisierung Syriens.

Rundfunk:      Sie haben das Interview des US-Präsidenten mit dem Atlantik-Magazin erwähnt. Was waren die wichtigsten Entwicklungen in Bezug auf Syrien?

Hoerstel: Dieses Interview hat Obama gegeben im Vorfeld des Wahlkampfes für seinen Erfolg als Präsidentschaftskandidat vor dem Netanjahu-Besuch in den USA. Hier wollte er den Israelis zeigen, ich bin ein harter Präsident und ich tue euch viel Gutes. u.a. in Syrien. Er hat dem Interviewer erklärt, es werde in Syrien noch stärkere Aktionen geben gegen die syrische Regierung, um die Unterdrückung des Volkes zu beenden und ähnliche Dinge mehr. Sein Interviewer wollte wissen, ob er genauer sagen kann, was er denn dort vorhat. “Nein” lachte Obama dann, “dafür haben Sie nicht das nötige Geheimdienstclearing”.

„Geheimdienstclearing” bedeutet, dass man Zugang hat zu Geheimdienstmaterial, hinauf bis “streng geheim”. Dass er das gesagt hat, bedeutet – angesichts seiner Ausbildung als Jurist – dass die USA Anfang März intensive Geheimdienstaktionen (state sponsored terror) planten, wobei er dem Atlantik-Magazin natürlich nicht sagen wollte, wo und was genau. Aber eine eklatantere Verletzung internationalen Rechts kann ich mir gar nicht vorstellen: Ein Präsident kündigt an, in einem anderen Land Geheimdienstanschläge zu begehen. Wenn Syrien solche Drohungen aussprechen würde, würde man dieses vielleicht nicht so ernst nehmen, aber die USA haben in vielen Jahren bewiesen, dass sie ernsthaft überall Menschen umbringen und zwar nicht nur mit Drohnen, sondern auch mit Bodenpersonal. Da werden auch Hubschrauber eingeflogen, und es werden auch Hubschrauberträger vor der Küste geparkt wie in Libyen und Irak. So geht es auch dem Iran, denn dort gibt es auch einen Hubschrauberträger vor der Küste. Das kann alles nicht einfach kommentarlos hingenommen werden, aber genau das tut die UNO. Sie nimmt es einfach kommentarlos hin und schreibt allerlei Zeug in ihren Resolutionen, dass man die Unversehrtheit Syriens schützen wollte und so etwas, aber es ist glatt gelogen.

Rundfunk: Wenden wir uns nun noch mal dem Konflikt in Syrien zu. Ich möchte auf die Maßnahmen der syrischen Regierung eingehen – im übrigen Forderungen der Opposition. Die Syrische Regierung hat immerhin zwei Forderungen der Opposition verwirklicht, nämlich das Ende der Einparteienherrschaft und ein Verfassungsreferendum. Wie wurden diese Maßnahmen im Westen wahrgenommen?

Hoerstel: Hier hat der Westen tatsächlich unter Beweis gestellt, dass er an einer positiven Entwicklung Syriens gar nicht interessiert ist. Denn ein Verfassungsreferendum, welches im Handstreich eine Einparteienherrschaft von Jahrzehnten beendet, ist im Grunde so etwas wie ein revolutionärer Akt. Dass dies gelungen ist und dass es eine über 50%-ige Beteiligung des Volkes an diesem Referendum gegeben hat, trotz Terroranschlägen, die von außen auch vom Westen gesponsert waren, ist ein gewaltiger Sieg des syrischen Volkes. Zusätzlich gibt es am 7. Mai freie Wahlen – die zweite große Forderung die einfach durchgesetzt wurde per Präsidialverkündung. Präsident Baschar al Assad, der als reformfreudig gilt und mit seinem eigenen Apparat in den letzten zehn Jahren seit seinem Machtantritt Probleme gehabt hatte, hat dies einfach verkündet, und das zieht er jetzt auch durch. Doch was sehen wir: Anstatt dass die USA, oder wer auch immer daran beteiligt ist, sagen, “Ok, wir warten jetzt erstmal, bis die Syrer in Ruhe wählen. Mehr können wir doch für die Demokratie gerade gar nicht tun”, nein, stattdessen gibt es mehr Terroranschläge. Auch hieran zeigt sich, der Westen ist nicht interessiert daran, dass Syrien eine positive, tatsächlich demokratische Entwicklung nimmt, mit der sich die USA ja auch gar nicht mehr auskennen. Dort gibt es keine Demokratie mehr, seitdem jeder Mensch mit sehr viel Geld Parteien und Politiker kaufen und ins Präsidentenrennen schicken kann. Das ist ja ein Witz – eigentlich. Hier in Syrien aber haben wir eine echte ernsthaft demokratische Entwicklung. Die Menschen nehmen das ernst in großen Teilen. Wenn sie sich positiv gestellt hätten, zu bewaffneten Aktionen gegen die syrische Regierung, wofür ich Verständnis habe, denn das war keine perfekte Regierung – davon war sie weit entfernt. Dann heißt es jetzt doch eher “Wir wollen jetzt eine Wahl durchführen und dann schauen wir was passiert danach. Wenn wir syrisches Volk das Gefühl haben, jawohl, wir konnten uns hier wirklich durchsetzen mit unserer Meinung gegen einen verfestigten auch diktatorischen Apparat”, dann wird das zur Beruhigung natürlich beitragen. Offenbar ist es so, dass der Westen sieht, “aha, die Terrorbereitschaft der Syrer reicht nicht aus, dann müssen wir von außen nachsteuern.” Dann schickt die ehemals amerikanische Söldnerfirma XE-Services ausgebildete Kämpfer hin. Wir haben jetzt in Syrien zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten die Chance für freie Wahlen. Man könnte sagen, die US-Amerikaner ziehen jetzt ihre Terrorkräfte zurück, damit die Syrer in Ruhe ihre Demokratie aufbauen können. Aber das Gegenteil ist der Fall: Die US-Amerikaner haben den Terror verstärkt, den sie auf verschiedenen Wegen sponsern, sicher auch mit Beteiligung von England, Frankreich, Qatar, Saudi-Arabien und Türkei, aber im Prinzip ist es so, dass Syrien eben nicht Ruhe hat, nicht in Ruhe wählen kann, die Menschen eingeschüchtert werden. Das sind ganz klare Zeichen, dass der Westen an einer tatsächlich demokratisch-freiheitlichen Entwicklung kein Interesse hat und das sehen wir an ganz vielen anderen Stellen auch.

Rundfunk: Woran ist dann der Westen interessiert, wenn nicht an demokratischen Reformen?

Hoerstel: Der Westen möchte ganz unbedingt in Syrien das tun, was er zuletzt auch im Iran tun möchte, nämlich einen Regierungswechsel organisieren und eine Marionette installieren, die das tut was Washington will. Es handelt sich um den Versuch einer spätkolonialen Machtergreifung mit allen Mitteln – und zwar mit Terror und militärischen Mitteln. Da man im Moment im Sicherheitsrat nicht gut aufgestellt ist und ein Veto durch Russland und China fürchten muss, greift man offenbar zu militärischen Mitteln. Das kann man tun, ohne dass der Sicherheitsrat sagt, “liebe Amerikaner, ihr mögt ein mächtiges Land sein, aber Terror darf niemandem auf diesem Globus erlaubt sein, auch nicht euch”. Doch das passiert nicht, es gibt keine UNO-Sanktionen und nicht einmal eine Debatte über die US-amerikanischen Terroranstrengungen. Das bedeutet, sie bekommen sehr viel freie Hand in Syrien für ihre Machtergreifungsbestrebungen. Und Syrien ist auch nur eine Figur auf einem Schachbrett, das viel größer ist. Dieses Schachbrett soll so ausgerichtet werden, dass irgendwann der Iran angegriffen werden kann, dafür meinen die US-Amerikaner sie bräuchten eine Machtergreifung in Syrien und deswegen streben sie sie an und natürlich steckt dahinter auch ein ganz handfestes israelisches Interesse.

Rundfunk: Wie sehen Sie selbst die weiteren Entwicklungen in diesem arabischen Land?

Hoerstel: Leider sehr pessimistisch, denn die Regierung lässt nicht erkennen, dass sie den Propagandakrieg gegen den Westen in irgendeiner Form auch nur aufnehmen wollen. Sie macht keinerlei Anstrengungen, ihn gewinnen zu wollen und tatsächlich wird dieses Machtergreifungsszenario, das im wesentlichen von den USA mit seinen fünf Vasallen GB, Frankreich, Qatar, Saudi-Arabien und Türkei vorgetragen wird, wird vor allem auf dem Propagandasektor der großen Medien vorbereitet und ausgetragen, denn für seine gegenwärtige Politik kann der Westen nur mit Rückendeckung aus der Bevölkerung die genügende politische Unterstützung bekommen. Und wenn man diese Bevölkerungen – die alle nicht kriegswillig sind, die Syrien gerne in Frieden lassen würden und um Gottes Willen keinen Krieg mit dem Iran wollen – für den die Machtergreifung im Iran die Vorbereitung ist. Diese Völker kann man nur gewinnen, wenn man sie großflächig belügt. Dieses Lügen zu stören müsste also vorrangige syrische Aufgabe sein. Aber da sehe ich fast keine Anstrengung der syrischen Regierung. Deswegen bin ich hochpessimistisch, was den Ausgang der ganzen Affäre angeht.

Rundfunk: Vielen Dank Herr Hörstel für diese Einschätzung.

Christoph R. Hörstel

Managing Director

Hörstel Networks

Government & Business Consulting

PO Box 600707

14407 Potsdam

Twitter @hoerstelc

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Das Interview wurde geführt von Seyyed-Hedayatollah Shahrokny

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