Interview mit Christoph Hörstel über die Lage in Syrien

Ein Interview mit  dem deutschen Nahost-Experten und Buch-Autor Christoph Hörstel über  die Entwicklungen in Syrien.


Rundfunk: Die Gefechte in verschiedenen syrischen Städten gehen unvermindert weiter, ohne dass eine Aussicht auf ein Ende der Gewalt sichtbar wäre. Wie beschreiben Sie die gegenwärtige Situation in diesem arabischen Land?

Hörstel: Wir müssen leider sagen, dass sich die Lage der Menschen von Tag zu Tag immer weiter verschlechtert. Wir müssen auch sagen, dass die syrische Opposition und die sie unterstützenden ausländischen Kämpfer bis hin zu den einzelnen Terroristen und Al-Kaida-Gruppen nicht in der Lage sind – das wird auch von der US-amerikanischen Seite offen zugegeben – heute zum Beispiel durch die New York Times, die Sympathiewerte, die sie einmal hatte, zu halten. Das heißt, man muss eigentlich sagen, die Gewaltausübung in Syrien wird immer sinnloser und sie kostet immer mehr Blut, die verunsichert die Menschen. Hunderttausende Flüchtlinge gibt es inzwischen- vor allem auch intern.

In einem Vortrag, den ich gestern (7. November) gehalten habe, ausgerechnet vor einer deutsch-amerikanischen Gesellschaft, der ältesten, habe ich gesagt, dass im Falle einer Amtsenthebung der jetzigen Regierung niemand mehr für das Leben der drei Millionen Christen und etwa auch drei Millionen Alewiten garantieren kann. Das sind natürlich ganz extreme, unangenehme Aussichten, die nur durch die Entwicklungen  am Boden befördert werden.

Rundfunk: Hätte der Krieg solange gedauert, wenn es die fremde Unterstützung nicht gegeben hätte? Also, welches Interesse haben das westliche Ausland, Saudi-Arabien und Katar an einer Fortsetzung der Kämpfe?

Hörstel: Wir stehen natürlich an einem Wendepunkt. Ich will noch einmal sagen, solche bewaffnete Zusammenstöße hätte es ohne ausländische Einmischung nie gegeben. Das ist gar keine Frage aus meiner Sicht und meiner Informationsgrundlage. Das kann auch niemand, der diese Informationen zur Kenntnis genommen hat, bestreiten. Wir müssen ganz klar sagen, dass das so lange dauert, liegt an einer massiven Angriffslage von außen und darin sind hauptsächlich beteiligt, an allerersten Stelle die Türkei, aber auch insbesondere Saudi-Arabien und Katar, vor allem Katar, noch mehr als Saudi-Arabien. Diese Art offener Unterstützung mit Waffen, mit Geld, mit Mannschaften, auch die logistische Unterstützung aus Libyen durch dort eingesetzte Kämpfer zum Sturz des Gaddafi-Regimes gerade als ein Wanderzirkus von Umsturz und Staatsvernichtung. Das ist ja etwas grotesk. Durch das Ausland wird das gemacht und die Frage, warum wird das fortgesetzt? Da kann man sagen, so leid mir das tut, dass das sich gegen Ihr Land, gegen den Iran richtet, weil, leider Gottes, die Ansicht der allermeisten militärstrategischen Sandkastenspiele und politisch-strategischen Sandkastenspiele in den USA und in der Nato die ist, dass um größeren Druck auf Ihr Land, Iran, auszuüben, man den Staat Syrien, sozusagen, an den Abgrund, an die Kante des Abgrundes, fahren muss. Also, von innen heraus, soweit wie möglich, zu zerstören mit äußerer Hilfe, damit der Iran aus amerikanischer Sicht gefügig wird. Das Problem darin ist, all dies findet statt, ohne dass Syrien, oder Iran, oder Russland und überhaupt nicht natürlich in irgendeiner Form drauf Bezug nehmen, dass alle Westbevölkerungen mehr als Kriegsmüde sind, von solch großangelegten Großoperationen und den künstlichen Ermorden von Menschen ohne eine echte Revolution im Hintergrund, die von der Bevölkerungen getragen wäre, dass die Bevölkerung die Nase voll haben, hier bei uns im Westen und nicht lieber täten als gegen ihre Regierungen aufzustehen.

Es fehlt ihnen aber einfach sehr viel Informationshintergrund und es fehlt ihnen ein bisschen Unterstützung dazu. Es wird immer weniger begreiflich, warum man in Damaskus, in Teheran und Moskau nicht mehr tut, um hier eine widerstandsfähige Bevölkerung – und ich rede hier einfach von Mehrheiten auch, in ihren Bestreben gegen den Krieg zu unterstützen. Das wäre leicht und billig, viel billiger jedenfalls als alle militärischen Anstrengungen.

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Das Interview wurde geführt von Seyyed-Hedayatollah Shahrokny
http://german.irib.ir/analysen/interviews/item/213131-interview-mit-christoph-h%C3%B6rstel

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