Ist der Westen tatsächlich bereit, Syrien zu bombardieren?

YPG und syrische Armee bremsen Ankara und protürkische Rebellen aus

Washington, London und Paris tun so, als würde die syrische Regierung gegen ihr eigenes Volk einen chemischen Angriff unternehmen und schlagen die Trommeln des Krieges. Soll man diese Drohungen von Staaten ernst nehmen, die seit mehr als zwei Jahren den Sturz von Syrien als unmittelbar bevorstehend vorhersagen? Obwohl man diese Option nicht ausschließen kann, meint Thierry Meyssan, dass sie weniger wahrscheinlich ist als eine von Saudi-Arabien organisierte Intervention. Dieser Wirbel hätte vielmehr zum Ziel, die Reaktionen der Russischen Föderation und des Iran zu testen.

von Thierry Meyssan

Was ist bloß in den Friedens-Nobelpreisträger Barack Obama gefahren? Am Sonntag, den 25. August  teilte das Weiße Haus durch einen anonymen hohen Beamten mit, dass es „sehr wenig Zweifel“ über die Verwendung  von chemischen Waffen durch Syrien gäbe. Das Kommuniqué fügt hinzu, dass die Zustimmung Syriens, die UN-Inspektoren in das betroffene Gebiet einreisen zu lassenzu spät komme, um glaubwürdig zu sein“.

Wenn der Einsatz chemischer Waffen in den Vororten von Damaskus am letzten Mittwoch auch sehr wahrscheinlich gewesen sein dürfte, hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen nicht darauf geschlossen, dass er von der syrischen Regierung verursacht wurde. Auf Antrag des Westens wurden in großer Eile die Botschafter versammelt. Diese waren überrascht, als ihr russischer Kollege ihnen Satelliten-Fotos unterlegte, die den Abschuss von zwei Geschossen um 0:35 Uhr morgens zeigte, die aus dem Rebellen-Bereich Duma kamen und im dem Rebellen-Gebiet einschlugen, das vom Gasangriff  (in Jobar und zwischen den Siedlungen Arbin und Zamalka) betroffen war. Die Fotos sagen nichts darüber aus, ob es sich um chemische Geschosse handelt. Allerdings lassen sie vermuten, dass der „islamischen Brigade“, die Duma besetzt, mit einem Schlag drei Treffer gelungen sind: erstens die Unterstützer ihrer Rivalen innerhalb der Opposition zu beseitigen, zweitens Syrien zu beschuldigen, chemischen Waffen einzusetzen, und schließlich drittens, die Offensive der Syrischen-Arabischen Armee zu behindern, die Hauptstadt zu befreien.

Die syrische Regierung besitzt – wie ihr israelischer Feind – als Nicht-Unterzeichnerstaat des Übereinkommens gegen chemische Waffen dieselben in großer Menge. Das ist genauso der Fall für die Dschihadisten, wie es von Carla del Ponte, zum größten Mißfallen des Hohen Kommissars für Menschenrechte, bestätigt wurde. Im Dezember hatte die Freie Syrische Armee (FSA) ein Video von einem Chemielabor gezeigt, in dem sie die Alawiten bedrohten. Diese Woche entdeckte die Regierung in den Vororten von Damaskus mehrere Verstecke von chemischen Waffen, Gasmasken und Gegenmittel. Die Produkte kamen aus Saudi-Arabien, aus Katar, aus den USA und aus den Niederlanden. Es geschah auch auf Initiative der syrischen Regierung und nicht auf Initiative des Westens, dass Inspektoren der Vereinten Nationen in Syrien für zwei Wochen anwesend sind, um die üblichen Vorwürfe zu prüfen. Schließlich hat am 29. Mai 2013 die türkische Polizei ein Dutzend Mitglieder der Al-Nusra -Front verhaftet und Chemiewaffen beschlagnahmt, die in Syrien verwendet werden sollten.

Freitag versammelte Präsident Obama trotzdem den Nationalen Sicherheitsrat, um die Möglichkeiten eines Angriffs gegen Syrien im Beisein von Botschafterin Samantha Power, Chefin der Liberalen Falken, zu studieren. Er beschloss, die US-Militärpräsenz im Mittelmeer zu stärken, indem er einen vierten mit Marschflugkörpern bewaffneten Zerstörer, die USS Ramage dorthin sendete. Er kommt noch zu der USS Gravely, USS Barry und USS Mahan dazu, die vor Ort gehalten werden, obwohl sie in ihren Hafen zurückkehren sollten.

Samstag rief er den britischen Premierminister David Cameron per Telefon an. Und am Sonntag sprach er mit dem französischen Präsidenten François Hollande. Die drei Männer vereinbarten, dass eine Intervention notwendig wäre, ohne zu sagen, welcher Art sie sein sollte. Am Sonntag rief erneut der US-Außenminister  John Kerry seine britischen, französischen, kanadischen und russischen Kollegen an, um ihnen zu sagen, dass die USA überzeugt seien, dass Syrien die “rote Linie” überschritten habe. Wenn ihm die ersten drei Gesprächspartner auch mit Hand an der Hosennaht zuhörten, wunderte sich der Russe Sergej Lawrow, dass Washington sich noch vor dem Bericht der Inspektoren der UN darüber äußerte. Er antwortete ihm, welch schwerwiegende Folgen so eine Intervention in der Region darstelle.

AmMontag war der französische Verteidigungsminister, Jean-Yves Le Drian, in Katar und sollte sich in die Vereinigten Arabischen Emirate begeben, um sich mit ihnen zu koordinieren. Währenddessen wurde der Berater der israelischen Staatssicherheit, General Yaakov Amidror im Weißen Haus empfangen. In einem Telefongespräch zwischen dem britischen Premierminister David Cameron und dem russischen Präsident Vladimir Putin betonte letzterer, es gäbe keinen Beweis für den Einsatz chemischer Waffen durch Syrien. Der chinesische Vize-Minister für auswärtige Angelegenheiten, Li Baodong, telefonierte mit seinem amerikanischen Amtskollegen Wendy R. Sherman, um die USA zur Zurückhaltung aufzurufen. Des Risikos eines regionalen Krieges bewusst, dessen erste Opfer die Christen wären, rief Papst Franziskus I. wieder mit Kraft zum Frieden auf.

Sollte man trotz davon ausgehen, dass der Westen ohne Mandat des Sicherheitsrates in den Krieg zieht, wie einst die NATO in Jugoslawien? Dies ist unwahrscheinlich, weil zu der Zeit Russland in Schutt und Asche lag, heute aber sollte es nach den drei Vetos zum Schutz von Syrien eingreifen, oder jegliche internationale Maßnahmen unterlassen. Sergej Lawrow schob jedoch mit Bedacht einen Dritten Weltkrieg zur Seite. Er sagte, dass sein Land nicht bereit sei, in einen Krieg einzusteigen, gegen wen auch immer, selbst anlässlich von Syrien. Es könnte sich daher um eine indirekte Intervention zur Unterstützung von Syrien handeln, wie sie China während des Vietnam-Krieges praktizierte.

Der Iran informierte dann durch seinen stellvertretenden Stabschef Masoud Jazayeri, dass für ihn ein Angriff auf Syrien die “rote Linie” überschreiten würde und dass, falls das Weiße Haus zur Tat schreiten sollte, es “schwerwiegende Folgen“ erdulden würde. Sicherlich hat Iran weder die Mittel von Russland noch seine Bündnisse, aber gehört sicher zu den 10 ersten militärischen Weltmächten. Deshalb wäre ein Angriff auf Syrien gleichbedeutend mit dem Risiko einer Vergeltung gegen Israel und Aufständen in weiten Teilen der arabischen Welt, insbesondere in Saudi-Arabien. Die jüngste Intervention der libanesischen Hisbollah und die Aussagen ihres Generalsekretärs Hassan Nasrallah sowie die Aussagen der palästinensischen Organisation PFLP lassen darüber keinen Zweifel.

In einem Interveiw nuít der russischen Inwestija sagte der syrische Präsident Baschar Al-Assad:Die Aussagen der westlichen Politiker, der USA und anderer Ländern sind eine Beleidigung für den gesunden Menschenverstand und ein Ausdruck der Verachtung für ihre Völker. Das ist Unsinn: zuerst beschuldigt man, dann sammelt man Beweise. Diese Aufgabe wird durch ein mächtiges Land, die USA, geführt (…) Diese Art von Anklage ist ausschließlich politisch, sie ist die Antwort auf die Serie von Siegen der Regierungstruppen über die Terroristen.“

In Russland kommentierte der Präsident der Kommission für auswärtige Angelegenheiten der Duma, der Journalist und Geopolitiker Alexeï Puchkov, auf seinem Twitter-Konto: „Washington und London haben Assad schon vor den Ergebnissen der Inspektoren der Vereinten Nationen für schuldig erklärt. Sie werden nur einen Schuldspruch akzeptieren. Jedes andere Urteil wird zurückgewiesen werden.“

Das Prinzip eines neuen Krieges in Syrien passt wenig in die wirtschaftlichen Probleme der USA und der Europäer. Wenn Waffen verkaufen eine Möglichkeit ist, Geld zu verdienen, kann die Vernichtung eines Staates, ohne Hoffnung auf eine kurz- bis mittelfristige Anlagenrendite, die Situation nur noch verschlimmern.

Laut einer von Reuters/Ipsos durchgeführten Umfrage nach dem Angriff am 21. August sind 60 % der Amerikaner gegen eine Intervention in Syrien gegenüber 9 % Ja-Stimmen. Wenn sie von dem Einsatz chemischer Waffen von Syrien überzeugt würden, blieben 46 Prozent gegen den Krieg und 25 % für den Krieg. Die gleiche Umfrage zeigt, dass die Amerikaner den geheimen Krieg noch weniger schätzen:  89 % erklären, man sollte die Rebellen nicht mehr bewaffnen; nur 11 % sind dafür. Schließlich wurden den Befragten vier Optionen vorgeschlagen: Luftangriffe (unterstützt von 12 %), die Schaffung einer no-fly-zone (11 %), die Finanzierung einer multinationalen Truppe (9 %) und die direkte Intervention der USA (4 %).
In Frankreich befragte Le Figaro (vom Waffenhändler Dassault) seine Leser: Nach einem Tag der Befragung waren 79.60 % Gegner des Krieges und 20,40 % Befürworter des Krieges.
Es wird sicherlich für den Westen schwer sein, die öffentliche Meinung umzukrempeln und in den Krieg zu ziehen.

Eine alternative Interpretation der Ereignisse ist möglich: manche Videos, die die Opfer von chemischen Angriffen zeigen, liefen im Internet ein paar Stunden vor den Anschlägen. Es wird daher immer für den Westen möglich sein, die Täuschung im richtigen Moment zu „entdecken“, und dann zurückzuschalten. Der Fall der chemischen Waffen im Irak ergab jedoch, dass der Westen die internationale Gemeinschaft anlügen konnte und es auch später zugeben konnte, ohne unter den Konsequenzen seines Verbrechens leiden zu müssen.

Die Beschuldigungen der Dschihadisten und ihrer westlichen Sponsoren tauchten auf , als die Syrisch-Arabische Armee eine groß angelegte Offensive “Schild von Damaskus” startete, um die Hauptstadt zu befreien. Die Treffer der zwei Geschosse der Islamischen Brigade schlugen bei Beginn der Offensive ein, die fünf Tage dauerte und zu erheblichen Verlusten unter den Dschihadisten (mindestens 1500 Verletzte und Getötete, von 25 000 Anwesenden) führte. Das Spektakel könnte einfach nur auf einen psychologischer Krieg hinauslaufen, bei dem versucht wird, diese Niederlage zu verbergen und die syrische Offensive zu lähmen. Es ist vor allem ein Mittel für Washington, die iranische Reaktion nach der Wahl von Scheich Hassan Rohani zu testen. Und es ist nun klar, dass er nicht in der Lage ist, sich gegen die Politik des Führers der Revolution, Ajatollah Ali Khamenei, zu stellen.

Während des Krieges gegen Libyen hatte ich jedoch den Willen der USA unterschätzt, alle Regeln zu verletzen, einschließlich die der NATO. Da ich mich auf Dokumente des Atlantischen Bündnisses stützte, beharrte ich auf die große Widerstandsfähigkeit der libyschen Dschamahirija gegenüber der bewaffneten Opposition. Ich ignorierte aber die Abhaltung einer geheimen Sitzung auf der NATO-Basis in Neapel, im Rücken des Atlantischen Rates. Damals haben die USA, das Vereinigte Königreich, Frankreich, Dänemark, Türkei, sowie Israel, Katar und Jordanien insgeheim den Einsatz der Allianzkräfte geplant, um Tripolis zu bombardieren [1]. Da sie ihren Verbündeten nicht vertrauten, von denen sie wussten, dass sie diesem mörderischen Angriff nicht zustimmen würden, hatten sie sie nicht informiert. Das Atlantische Bündnis war kein wirkliches Bündnis mehr, sondern ein ad-hoc-Koalition. In wenigen Tagen verursachte die Eroberung von Tripolis mindestens 40.000 Tote (laut der internen Berichte des Roten Kreuzes).

Vielleicht wird so ein Plan jetzt wieder organisiert: die Stabschefs der etwa gleichen Staaten, plus Saudi-Arabien und Kanada, trafen sich seit Sonntag in Amman, unter dem Vorsitz des CentCom-Befehlshabers General Lloyd J. Austin III. Sie prüfen fünf mögliche Optionen (Waffen-Lieferung an die Contras, gezielte Bombardierungen; Schaffung einer Flugverbotszone, Schaffung von Pufferzonen; und die Invasion des Landes mit Bodentruppen).

Die atlantische Presse ruft zum Krieg auf. Die Times von London kündigt ihn an.

Präsident Barack Obama könnte dem von seinem Vorgänger George W. Bush ausgearbeiteten Kriegsplan vom 15. September 2001 folgen, der außer den Angriffen von Afghanistan und Irak auch Libyen und Syrien als Ziele vorsah, wie es durch den ehemaligen Befehlshaber der NATO, General Wesley Clark aufgedeckt wurde [2]. Jedoch verfügt das Ziel zum ersten Mal über ernsthafte Bündnispartner.

Das ganze Geschehen widerspricht jedoch allen seit einem Jahr laufenden Bemühungen der Obama-Administration, die Hindernisse für die Genf-2-Konferenz zu beseitigen, als da sind:

  • Der Rücktritt von General David Petraeus und der Befürworter des geheimen Krieges;
  • die Nichtverlängerung des Mandats von Hillary Clinton und der Ultra-Zionisten;
  • die Überprüfung der eingefleischten Gegner eines Bündnisses mit Russland, einschließlich derjenigen in der NATO und das Überdenken des Anti-Raketen-Schilds.

Es widerspricht auch den Bemühungen von John Brennan, Auseinandersetzungen innerhalb der syrischen bewaffneten Opposition zu provozieren, die Abdankung des Emirs von Katar zu fordern und Saudi-Arabien zu bedrohen.

Auf Syriens Seite bereitet man sich so gut wie möglich auf jede Eventualität vor, einschließlich einer Bombardierung der Befehlszentren und Ministerien durch die NATO mit einem koordinierten Dschihadisten-Angriff auf die Hauptstadt. Jedoch ist die wahrscheinlichste Option, nicht einen regionalen Krieg auszulösen, der den Rahmen der westlichen Mächte sprengen könnte. Es ist eher ein Angriff im Herbst, von Saudi-Arabien geleitet und ausgeführt von den Freischärlern, die es derzeit rekrutiert. Möglicherweise kann diese Operation von der Arabischen Liga unterstützt werden.

Übersetzung
Horst Frohlich/politaia.org

[1] Die Zusammenfassung der Beschlüsse der Sitzung beinhaltet eine lange Liste von Zielen und Mitteln, die ihnen zugeschrieben werden. Ein Absatz plante ein Kommando ins Radisson-Hotel zu senden, wo ich wohnte, um mich zu beseitigen. Allerdings befand ich mich während des Angriffs im Pressezentrum des Rixos Hotels.

[2] Dieser Plan sieht auch vor, den Libanon zu zerstören, dann den Sudan und Somalia und am Ende den Iran.

http://www.voltairenet.org/article179948.html

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