Merkels Mission in Afrika: Die Brandstifter spielen Feuerwehr

Merkel, Niger und Mali

Im Kampf gegen den Terror möchte Deutschland dem afrikanischen Kontinent helfen. Doch nicht im Bereich der wirtschaftlichen oder zivilgesellschaftlichen Entwicklung, sondern durch den Aufbau einer ständigen Militärbasis im Niger.

von Dr. Kani Tuyala

Denkt der durchschnittliche deutsche Bürger an den westafrikanischen Staat Niger, denkt er an… Ja, woran eigentlich? Mehr als die üblichen drei Ks – Kriege, Krankheiten und Korruption – wird sich da eher nicht finden, denn bis zum heutigen Tag pflegt die mediale Berichterstattung dieses Bild eines Kontinents mit 55 Staaten und über einer Milliarde Bewohner. Dass es seit 30 Jahren auch ein paar erfolgreiche afrikanische Fußballnationen gibt, die ab und an auch hier Erwähnung finden, ist nur die Ausnahme, die die Regel bestätigt. In ganz seltenen Fällen werden Einzelstaaten wie Südafrika oder Nigeria auch als “neue Märkte” benannt. Afrika erscheint in Summe jedoch nicht als komplexer Kontinent und Heimat der ältesten Kulturen der Welt, sondern als Region, geprägt von Gewalt und Verderben.

nigerBei der Republik Niger handelt es sich um einen westafrikanischen Binnenstaat mit etwa 17,5 Millionen Einwohnern, der im Norden an Libyen und Algerien, im Osten an den Tschad, im Westen an Burkina Faso und im Süden an Nigeria und Benin grenzt. Nur der informierte Beobachter wird derweil wissen, dass der Niger des Weiteren nicht nur ein bettelarmes Land ist, sondern dass die ehemalige französische Kolonie auch der Staat mit den weltweit größten Uranvorkommen ist.

Jüngst bereiste Bundeskanzlerin Angela Merkel vom 9. bis 11. Oktober 2016 die Länder Mali, Niger und Äthiopien. Offizieller Anlass der ersten Reise der Kanzlerin nach Afrika seit fünf Jahren war die Einweihung eines von Deutschland finanzierten Gebäudes für die Afrikanische Union (AU) im äthiopischen Addis Abeba am 11. Oktober. Die ersten Stationen der Reise führten Bundeskanzlerin Merkel an den ersten beiden Tagen ihrer Reise jedoch nach Mali und Niger. Beide Staaten spielen im vermeintlichen Kampf gegen den Terror und bei der Vorbeugung von Flüchtlingsbewegungen in Richtung Europa eine Schlüsselrolle.

 So war es auch nicht anders zu erwarten, als dass zum Beispiel die Tagesschau unter dem Titel “Warum Niger ein Schlüsselstaat ist” betonte, dass das westafrikanische Niger für die EU “strategisch wichtig” geworden sei. Doch warum? Der Autor verweist in seinem Artikel auf folgenden Umstand:

Die Sorge um Terrorismus, zunehmende Migration und die Folgen des Klimawandels haben Niger, eines der ärmsten Länder der Welt, ins Visier der Europäischen Union gerückt.

Des Weiteren findet in dem Artikel Erwähnung, dass die USA in diesem Zusammenhang eine Basis für Drohneneinsätze errichten, selbstverständlich zum Kampf gegen den Terror, der von Gruppen wie der islamistischen Boko Haram in Nigeria ausgeübt wird.

Der Westen, so schließt der gutgläubige Leser, möchte dem bitterarmen “Afrika” also wie immer lediglich unter die dürren Arme greifen. Informationen zu Hintergründen, möglichen Interessen jenseits vorgeblicher Selbstlosigkeit, regionale Zusammenhänge? Fehlanzeige. Doch ohne diese entsprechenden Verweise wird der Leser nicht informiert, sondern in die Irre geführt. Durch die Bank stoßen die Vertreter der so genannten Qualitätsmedien und die vermeintlichen Experten ins gleiche Horn der paternalistischen Perspektive hinter dem aktuellen Engagement Deutschlands, der EU, aber auch der USA auf dem afrikanischen Kontinent.

In Nigers Hauptstadt Niamey führte Angela Merkel während ihrer Reise Gespräche mit Präsident Mahamadou Issoufou und traf auch das Bundeswehrkontingent, das von Niger aus die UN-Mission mit dem sperrigen Namen Multidimensionale Integrierte Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali (MINUSMA) in dem benachbarten Land unterstützt. Wie erwähnt plant Deutschland nun den Bau einer ständigen Militärbasis in Niger, von der aus Transportflüge nach Mali starten sollen. Somit wird Deutschland in Zukunft selbst eine Schlüsselrolle im Haupteinsatzland Frankreichs und der USA bei den Antiterroreinsätzen in der Sahelzone zuteil.

Soweit der offizielle Narrativ, der wohl nur den kritischen Beobachter bereits von vornherein stutzig machen wird; denn was ist der durchschnittliche Leser denn anderes gewohnt vom afrikanischen Kontinent als Terror in all seinen Manifestationen?

Doch ganz so einfach ist es nicht bzw. ganz so einfach sollte es der Politik nicht gemacht werden, wirtschaftliche und geopolitische Interessen stillschweigend umzusetzen. Die entscheidende Frage lautet nämlich trotz der medialen Augenwischerei: Was hat es mit dem mutmaßlichen Einsatz für Frieden und Freiheit auf sich und welche tatsächlichen Ursachen liegen dem Terror und der massenhaften Flucht, die ja nun vor Ort bekämpft werden soll, zu Grunde? Warum wird wie in so vielen Fällen weltweit nur über Symptome, aber nicht über Ursachen jener Krankheiten gesprochen, deren Bekämpfung sich die westliche Staatengemeinschaft doch auf die Fahnen geschrieben hat?

Ein kurzer Blick in die jüngste Vergangenheit

Ihr sollt mich recht verstehen. Wenn ihr mich bedrängt und destabilisieren wollt, werdet ihr Verwirrung stiften, Bin Laden in die Hände spielen und bewaffnete Rebellenhaufen begünstigen. Folgendes wird sich ereignen: Ihr werdet von einer Immigrationswelle aus Afrika überschwemmt werden, die von Libyen aus nach Europa überschwappt. Es wird niemand mehr da sein, um sie aufzuhalten.

Diese Worte stammen nicht etwa von einem der weitsichtigen Politiker der transatlantischen Achse des Guten, sondern vom ehemaligen Staatsoberhaupts Libyens, Muammar al-Gaddafi, einem jener “Despoten”, die einst verteufelt, dann umgarnt und schließlich wieder verteufelt wurde.

Ob es sich bei Gaddafi dabei tatsächlich um einen wirren und totalitären Machthaber handelte oder nicht, war und ist, was die Politik des Westens angeht, dabei wie so oft vollkommen irrelevant. Tatsache ist jedoch, dass Libyen nach der Nato-Intervention zu dessen “Befreiung” im Jahr 2011 vom einst fortschrittlichsten Land der gesamten Region zurück in die Steinzeit gebombt wurde. An die Spitze der Nato-Mission stellte sich der Handtaschen-Napoleon aus dem Élysée-Palast, Nicolas Sarkozy, nicht jedoch ohne sich aller Wahrscheinlichkeit nach vorher noch den Wahlkampf vom Despoten aus Tripolis bezahlen haben zu lassen.

Seit dieser Zeit ist das Land zum Tummelplatz dschihadistischer Kopfabschneider, rivalisierender, bis in die Haarspitzen hochgerüsteter Clans und korrupter Machtcliquen verkommen. Doch nicht nur das: Gaddafis Worte haben sich in der Tat bewahrheitet, weitsichtig waren sie also zumindest allemal. Seit Jahren wird das Land nun als Sprungbrett von hunderttausenden armen Menschen genutzt, um das gelobte Land Europa zu erreichen, mit tausenden Toten, die die Überfahrt über das Mittelmeer nicht überlebt und damit die europäischen Werte ad absurdum geführt haben.

Viele haben auch noch die erschütternden und zynischen Worte der aktuellen US-Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton in den Ohren, die sich in Bezug auf die letztendlich bestialische Ermordung Gaddafis für folgendes Zitat nicht zu schade war:

We came, we saw, he died.

Weiterlesen

http://www.politaia.org/kriege/eu-militarausbildung-in-mali-peter-strutynski-ag-friedensforschung-6-4-13/

http://www.politaia.org/terror/mali-und-die-agenda-von-africom-fur-afrika/

http://www.politaia.org/sonstige-nachrichten/heldenhafte-franzosen-bombardieren-malische-dorfer-rt/



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