Mordsgeschäfte in Afrika

Mordsgeschäfte (IV)

20.09.2013

BERLIN/HANNOVER

(Bericht von German Foreign Policy) – Deutsche Geflügelproduzenten ruinieren gestützt auf staatliche Millionensubventionen die Fleischmärkte Afrikas. Innerhalb nur eines Jahres hat Deutschland seine Hähnchenausfuhren nach Afrika um 120 Prozent gesteigert – von gut 19.000 Tonnen auf knapp 43.000 Tonnen. Da das Fleisch zu Dumpingpreisen angeboten wird, können lokale Geflügelzüchter ihre Waren nicht mehr absetzen und sind gezwungen, ihre Betriebe aufzugeben – mit desaströsen Konsequenzen für die jeweiligen Volkswirtschaften und die Ernährungssituation der einheimischen Bevölkerungen. Ermöglicht werden die Billigexporte durch Freihandelsabkommen, die insbesondere westafrikanische Staaten zwingen, ihre Märkte für deutsche Produkte zu öffnen. Die Expansion in bisher nicht gekanntem Ausmaß ermöglicht es der Geflügelindustrie, sinkende Profite im Inland auszugleichen.

Dumping in Afrika

Bild: badische-zeitung.de

Wie die evangelische Hilfsorganisation “Brot für die Welt” mitteilt, haben deutsche Geflügelproduzenten ihre Ausfuhren nach Afrika innerhalb nur eines Jahres mehr als verdoppelt. Wurden 2011 noch gut 19 Millionen Kilogramm Hähnchen in afrikanische Staaten exportiert, waren es 2012 bereits knapp 43 Millionen Kilogramm. Betrachtet man die Entwicklung seit dem Jahr 2000, fällt die Steigerung noch weit drastischer aus; seinerzeit wurden lediglich rund 5.000 Tonnen Geflügel nach Afrika geliefert. “Brot für die Welt” wirft der deutschen Fleischindustrie “verbotenes Dumping” vor, mit dessen Hilfe insbesondere Kleinbauern in den westafrikanischen Staaten vom Markt “verdrängt” würden: “Mit Importpreisen von circa 80 Eurocent pro Kilo können sie nicht konkurrieren.” Trotz aller “Fleischrabattschlachten” kosteten die gleichen Hähnchenteile in Deutschland “mindestens drei Euro”.[1]

Komplett zusammengebrochen

Ghana: In der Küstenregion bei Cape Coast und Takoradi stößt man auf Zeugnisse der Kolonialzeit. Cape Coast, die ehemalige Hauptstadt der »Goldküste«, wird von einer Burg dominiert, in der Sklaven vor der Überfahrt nach Amerika gefangen gehalten wurden. Heute beherbergt die Cape Coast-Burg das West African Historical Museum.

In Ländern wie etwa Ghana haben die deutschen Billigimporte schon seit längerem desaströse Konsequenzen für die einheimischen Geflügelzüchter und die Ernährungssituation der Bevölkerung. Wurde Anfang der 1990er Jahre noch der gesamte Hühnerfleischkonsum in dem westafrikanischen Staat aus einheimischer Produktion gedeckt, ist diese laut Hilfsorganisationen mittlerweile “komplett zusammengebrochen”.[2] Schon 2003 lag die Kapazitätsauslastung ghanaischer Schlachthöfe nur noch bei 25 Prozent. Nach Expertenschätzungen sind dem Land seither mindestens 100.000 Arbeitsplätze verloren gegangen; zu den Betroffenen zählen nicht nur Farmer und Kleinbauern, sondern auch Futtermittelhersteller und Händler. Insbesondere Landwirte berichten von “deutlich gesunkenen” Einkünften, unter denen die gesamte Familie zu leiden habe: “Die Kinder leiden am meisten. Sie essen weniger, viel weniger. Häufig können sie nicht einmal zwei Mahlzeiten pro Tag einnehmen. Dann trinken wir mehr Wasser.”[3]

Die Segnungen des Freihandels

Ermöglicht werden die deutschen Billigimporte durch Freihandelsabkommen, die die Staaten Westafrikas zwingen, ihre Märkte für Produkte aus der Europäischen Union zu öffnen. Schon 2003 musste etwa Ghana den Schutzzoll auf Hähncheneinfuhren als Gegenleistung für einen Kredit des Internationalen Währungsfonds drastisch mindern. Ein zwischen der EU und der ghanaischen Regierung 2007 geschlossenes “Economic Partnership Agreement” (EPA) geht sogar noch weiter. Danach ist das westafrikanische Land verpflichtet, die Zölle für über 80 Prozent der europäischen Importe bis spätestens 2023 auf Null zu senken. Umgekehrt konnte Deutschland einen weitreichenden “Schutz für Produktionsanlagen (und) geistiges Eigentum” sowie “Rechtssicherheit für Investitionen” durchsetzen (german-foreign-policy.com berichtete [4]). Die eingeschlagene Strategie war offenbar erfolgreich: Hatten die deutschen Ausfuhren nach Ghana 2010 noch einen Wert von 208,5 Millionen Euro, lag dieser 2012 bei 328,5 Millionen Euro; dies entspricht einer Steigerung von mehr als 57 Prozent.

Exportquote: “steigend”

Nicht zuletzt die deutsche Geflügelindustrie sucht von der beschriebenen Entwicklung überproportional zu profitieren. Obwohl der Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland rückläufig ist, plant sie umfangreiche Erweiterungen ihrer Produktionsanlagen. So wollen etwa die deutschen Hühnermäster nach Angaben des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) ihre Kapazitäten um 38 Millionen Stallplätze erhöhen; der aktuelle Bestand liegt bei 60 Millionen. Die anfallenden Kosten werden zu einem nicht geringen Teil durch staatliche Subventionen aufgefangen: Laut BUND wurde der Neubau von Stallanlagen allein 2011 mit 80 Millionen Euro bezuschusst.[5] In den Genuss öffentlicher Fördermittel kommen auch die deutschen Hähnchenschlachtereien. So erhielt der zweitgrößte deutsche Geflügelproduzent, die Franz-Josef Rothkötter GmbH, für den Neubau eines Schlachthofs im niedersächsischen Wietze 6,5 Millionen Euro aus Landesmitteln – bei einer Investitionssumme von 60 Millionen Euro. Die Expansion der Branche drückt sich in stetig wachsendem Umsatz aus. Im Fall von Rothkötter betrug dieser 2011/2012 818 Millionen Euro und stieg damit um 140 Millionen Euro im Vergleich zum Vorjahr. Der Brachenprimus PHW, der die Geflügelmarke “Wiesenhof” vertreibt, vermeldete 2011/2012 einen Umsatz in Höhe von 2,34 Milliarden Euro, was einem Wachstum um mehr als 100 Prozent innerhalb von nur zehn Jahren entspricht. Die Exportquote der niedersächsischen Nahrungsmittelindustrie, zu der allen voran Rothkötter und PHW zählen, liegt der Lokalpresse zufolge aktuell bei knapp 30 Prozent – “Tendenz seit Jahren steigend”.[6]

Artgerechte Freilandhaltung

Um ihre insbesondere für afrikanische Staaten verheerende Geschäftspolitik zu kaschieren, setzt die deutsche Geflügelindustrie gezielt PR-Maßnahmen ein. PHW etwa unterstützte 2009 den Aufbau einer Schule für Waisenkinder in der liberianischen Hauptstadt Monrovia. Im darauf folgenden Jahr wurde hier nach Unternehmensangaben zudem “eine Hühnerfarm für 300 bis 400 Hennen errichtet, die alle Voraussetzungen für eine artgerechte Freilandhaltung erfüllt”. Wie der Konzern weiter ausführt, sichere man auf diese Weise die “Selbstversorgung der Schule mit Eiern und Hähnchenfleisch” und sorge für “dauerhafte Einnahmen”.[7] Dass unterdessen deutsche Geflügelexporte auch in Liberia den Fleischmarkt ruinieren, wird nicht erwähnt.
Direktkandidatin

Einhergehend mit Aktionen zur Imageaufbesserung nehmen deutsche Geflügelproduzenten Einfluss auf die Bundespolitik. So bewirbt sich die ehemalige niedersächsische Landwirtschaftsministerin Astrid Grotelüschen (CDU) bei den diesjährigen Bundestagswahlen erneut um ein Direktmandat. Bis 2010 fungierte Grotelüschen als Prokuristin der familieneigenen Mastputen-Brüterei Ahlhorn; ihr Wahlkreis liegt im Regierungsbezirk Weser-Ems, dem Kernland der deutschen Geflügelindustrie.
[1] Deutschland steigert Hähnchenausfuhren nach Afrika um 120 Prozent; www.brot-fuer-die-welt.de 29.08.2013
[2] Subventioniert Europa weltweiten Hunger? www.dw.de 23.11.2011
[3] zitiert nach: Germanwatch e.V./Armin Paasch: Verheerende Fluten – politisch gemacht. EU-Handelspolitik verletzt Recht auf Nahrung in Ghana – die Beispiele Hühnchen und Tomaten. Bonn/Berlin 2008
[4] s. dazu Global Europe
[5] Gnadenloses Wettrüsten im Hühnerstall; www.sueddeutsche.de 31.08.2013
[6] Nahrungsmittelbranche drängt auf Weltmarkt; www.noz.de 08.09.2013
[7] Afrika Hilfe; www.phw-gruppe.de
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