Nach 60 Jahren droht tausend Beduinen in Israel zweite Vertreibung

Netanjahu anerkennt die "Zwei-Staaten-Lösung"
Tal in der Wüste Negev
Tal in der Wüste Negev

Geschrieben von Majeda El Batsh

Vor bald sechzig Jahren wurde der Beduinenstamm al-Kijaan vom israelischen Militär aus seinen traditionellen Weidegebieten vertrieben.

 

Vor bald sechzig Jahren wurde der Beduinenstamm al-Kijaan vom israelischen Militär aus seinen traditionellen Weidegebieten vertrieben. Nun soll er ein 1956 zugewiesenes Stück Land in der Negevwüste verlassen: Der israelische Staat will dort Wohnraum für seine jüdische Bevölkerung schaffen. Um al-Cheiran heißt die Beduinensiedlung mit rund tausend Bewohnern, deren Schicksal in den nächsten Wochen in den Händen des Obersten Gerichtshofs in Jerusalem liegt.

 

 Dass die Regierung mit ihren Umsiedlungsplänen nicht mehr lange warten will, hatte das Kabinett am 10. November demonstriert, als es die Gründung von zwei Städten namens Kessif und Chiran auf dem Gebiet von Um al-Cheiran beschloss. Rund 150 Familien leben dort in kleinen Steinhäusern, die teils mit Solarenergie versorgt werden. Insgesamt geht es um 70 Hektar Land, das der damalige Militärgouverneur ihnen zugewiesen hatte. Und so wurden die früheren Halbnomaden mit ihren Schafen, Ziegen und Hühnern dort sesshaft.

 

Zwar gibt es Armeedokumente über diesen Vorgang, aber formell wurde der Grundbesitz nie eingetragen. Seit nunmehr zehn Jahren versuchen die israelischen Behörden, sich das Areal anzueignen. “Deren simple Logik ist, dass sie Land, das sie gegeben haben auch wieder wegnehmen können”, sagt die Rechtsanwältin Suhad Bischara von der Hilfsorganisation Adalah, die für die Bürgerrechte der arabischen Minderheit kämpft, die ein Fünftel der Bevölkerung Israels ausmacht.

 

Unterstützt von Adalah gingen die Bewohner durch alle Instanzen bis vor den Obersten Gerichtshof. Der setzte die schon zugestellten Abrissbescheide bei einer Anhörung am 20. November außer Kraft und will nach der Vorlage weiterer Beweismittel durch Adalah bald unwiderruflich entscheiden.

 

“Ich bin hier geboren und kenne nichts anderes. Wir sind gegen den Staat aber machtlos, wenn er uns zur Räumung zwingt”, sagt der 49-jährige Abdel Rachman Abu al-Kijaan, Vater von einem Dutzend Kindern. “Wir haben das Dorf gebaut und drumherum Landwirtschaft entwickelt. Wo sollen dann unsere Kinder hin?”

 

Wie alle Dorfbewohner beteuert er, nichts gegen neue jüdische Siedler in ihrer Nachbarschaft zu haben, solange sie deshalb nicht selbst weg müssen. “Der Regierungsbeschluss ist doch rassistisch. Warum können hier Juden leben, aber ich nicht”, fragt Abu al-Kijaan trotzig.

 

Seine 73-jährige Schwiegermutter Ghijahib erinnert sich noch an den Tag ihrer ersten Vertreibung: “Ich war 16, als die Militärpatrouillen kamen und uns aus unseren Häusern bei Subala holten, weil dort ein Kibbuz entstehen sollte. Ohne Dach über dem Kopf haben sie uns hier in die Wüste versetzt. Aber wir haben das Land, das sie uns gaben, zu unserer neuen Heimat gemacht”, blickt die alte Frau zurück.

 

Die Regierung hält ihre Entscheidung nicht für hart, weil die Bewohner Um al-Cheirans in die nahegelegene Beduinenstadt Chura ziehen könnten, wo schon 300 Familien leben und über Strom, fließendes Wasser und Abwasserkanäle verfügen. Nach Aussage von Regierungssprecher Ofir Gendelman ist entscheidend, dass für die Bauten in der Beduinensiedlung keine Genehmigungen vorliegen: “Wir sagen ihnen: Wir sind auf eurer Seite, wenn es um die Grundversorgung geht. Auch die Landbesitzfrage können wir regeln. Aber Hausbau ohne Genehmigung geht nicht.”

Um al-Cheiran ist nur eine Beduinensiedlung von vielen, denen eine Zwangsräumung droht. Betroffen sind bis zu 40.000 Menschen, die in 35 behördlich nicht anerkannten Ortschaften im Negev leben. Ein Gesetzentwurf, der die staatliche Landaneignung legalisieren soll, ist nach Protesten von rechts wie von links derzeit in der Überarbeitung. Über das Los der Menschen von Um al-Cheiran entscheiden davon unabhängig aber schon vorher die obersten Richter.

http://www.freunde-palaestinas.de/berichte/908-nach-60-jahren-droht-tausend-beduinen-in-israel-zweite-vertreibung.html

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