Sardinien – Giftmüllhalde des Militärisch-Industriellen-Komplexes

Der Militärisch-Industrielle Komplex zerstört Sardinien


nach einem Artikel von  Helen Jaccard

Sardinien gilt als Naturparadies: unberührte Strände, sauberes Meer. Eine Ermittlung des italienischen Staatsanwalts Domenico Fiordalisi aus dem kleinen Ort Lanusei im Südosten der Insel rückt nun eine andere Realität in den Fokus: 60 Prozent der Militäreinrichtungen Italiens befinden sich auf Sardinien, auch NATO und Bundeswehr üben hier.

Wollen Sie neue Waffen testen? Dann bombardieren Sie das Paradies!

Der Lärm von Bomben, Raketen und anderen Explosionskörpern; massive Attacken von See aus auf die Küste; eine Epidemie von Krebs und Geburtsfehlern; Boden, Nahrung, Luft und Wasser vergiftet mit Schwermetallen, Flugbenzin und anderen Giften; und nationale- sowie Firmengeheimnisse, welche die Anwohner daran hindern, die Wahrheit zu erfahren: Handelt es sich um ein modernes Kriegsgebiet? Nein — Sardinien ist das Opfer von Waffenherstellern, umweltzerstörenden militärischen Aktivitäten und einem politischen System, dass sich einen Dreck um die Gesundheit des Volkes und der Umwelt schert.

Sardinien und seine Bewohner

Sardinien ist die zweitgrößte Insel im Mittelmeer – ein Paradies mit reicher Natur und schönen Stränden. Die sardische Wirtschaft hat ihren Schwerpunkt im Tourismus sowie in der Erdölindustrie, Handel, Dienstleistungen und Informationstechnik. Bedeutung haben auch die berühmten Weine (Cannonau) und Schafkäse (Pecorino sardo) und die Gastronomie. Im Norden der Insel spielt traditionell die Korkproduktion eine wichtige Rolle.. Die Insel bildet mit einigen vorgelagerten Inseln die gleichnamige autonome Region Italiens. Die Region Sardinien hat eine Fläche von 24.090 km² und 1.675.411 Einwohner (Stand 31. Dezember 2010). Ihre Hauptstadt ist Cagliari.

Sardinien gilt als Naturreservat, in dem Tausende seltener Tiere und Pflanzen unter Schutz gestellt sind.

Die militärische Bedeutung von Sardinien

Seit über 50 Jahren wird die die Insel von Militärs und Waffenherstellern benutzt um:

  • neue Geschosse, Bomben und Drohnen zu testen,
  • Soldaten und Piloten zu trainieren,
  • Kriegsszenarien durchzuspielen,
  • alte Waffen, Munition und gefährliche Chemikalien zu verbrennen, zu sprengen oder zu vergraben
  • Bombereinsätze zu starten.

60% aller italienischen Militärbasen befinden sich hier; die Basen des italienischen Militärs, der NATO und der Amerikaner beanspruchen ein Drittel der Land- und Seegebiete der Insel. Während militärischer Übungen auf See werden die gesperrten Seegebiete auf  knapp 19.000 Quadratkilometer erweitert.

Die Test- und Schießplätze in Quirra, Teulada und Capo Frasca

Innerhalb der Schießbereiche sind die Verseuchungen, die Krebsfälle und Geburtsfehler am höchsten. In diesen großen Gebieten im südlichen Sardinien werden von den Waffenherstellern und den Militärs folgende Aktionen ausgeführt:

  • Testen von Artillieriegranaten, Drohnen und lasergesteuerten Präzisionsbomben, inklusive dem Einsatz von Uranwaffen (abgereichertes Uran); das Testen von Raketen, welche Asbest und weißen Phosphor freisetzen.
  • “Entsorgung” von Tonnen alter Waffen und Munition via Sprengung und durch Vergraben.
  • Durchführung von übungsmäßigen Luft- und Seeattacken auf die Küste.
  • Das Testen von Explosionseffekten auf Panzerungen und Pipelines.

Kontamination:

  • Große Mengen von vergrabenen Müll, welcher Kadmium, Blei, Antimon und Napalm enthält.
  • Hohe Bleigehalte an mehreren Stränden und im Wasser selbst.
  • Thorium, eine radioaktives und stark karzerogenes Element, welches in militärischen Zieleinrichtungssystemen eingesetzt wird, wurde in Milch, Honig und anderen Lebensmitteln gefunden.
  • Bruchstücke von Bomben, Raketen und Geschossen liegen überall am Boden oder in der See herum.
  • Scharfe Munition liegt in und um die militärischen Bereiche herum, sowohl an Land als auch in der See.

Gesundheitliche Auswirkungen:

Geburtsfehler: In dem Dorf Escalaplano mit 2400 Einwohnern in der Nähe der Quirra-Basis wurden zwischen 1988 und 2002 vierzehn Kinder mit schweren Mißbildungen geboren.

Mißbildungen bei Tieren: Zweiköpfige Lämmer, Kälber mit deformierten Läufen, ein Schwein mit einem großen grotesken Auge — alles Probleme, die sonst hier unbekannt sind. Die Gewebsprobe eines mißgebildten Lammes zeigte Spuren von abgereichertem Uran.

Krebs: In einem Dorf mit 150 Einwohnern starben 12 Leute innerhalb des Jahres 2002 an Leukämie, in der letzten Dekade waren es 63. In der davor liegenden Dekade (1990 – 2000) gab es in derselben Population keinerlei Leukämie- oder Lymphdrüsengeschwulste. 65% der Arbeiter von sieben der 12 Bauernhöfe in der Nähe der Quirra-Base leiden an schweren Krebserkrankungen. Die Rate der Erkarnkungen an Lymphdrüsengeschwulsten ist ebenfalls ungewöhnlich hoch….

Francesco Piras starb im Alter von 27 Jahren an Pankreaskrebs, nachdem er 10 Monate in Capo Teulada gedient hatte. Im Krankenhaus fragten ihn die Ärzte, ob er mit radioaktivem Material in Kontakt gewesen sei. Dr. Antonietta Gatti, Experimantaphysikerin an der Universität von Bologna entnahm Gewebeproben von Francesco und konnte hohe Mengen von Nanopartikel aus industriellen Schwermetallen nachweisen.

Der Nuklearphysiker Evandro Lodi Rizzini der Universität Brescia fand erhöhte Werte von radioaktivem Thorium 232 und Cerium (wobei er das Thorium als künstlich hergestellt nachwies) im Gewebe von 15 von insgesamt 18 Schäfer aus der Gegend von Quirra, die zwischen 1995 und 2000 an Krebs starben.

Ein Schäfer analysiert die Situation glasklar: “Ich habe Leukämie und nur mehr ein paar Monate oder Jahre zu leben, ich habe das akzeptiert, niemand schert sich um uns, wir zählen für sie nicht. Sie sind mächtig; für sie ist es besser, wenn es weniger von uns gibt.”

Die Schafe grasen weiterhin auf kontaminierten Boden und die Einheimischen verkaufen weiterhin Käse und Weintrauben, um ein kleines Einkommen zu erwirtschaften.

Eine Bürgerinitiative um die ehemalige Dorfschullehrerin Mariella Cao prangert seit Jahrzehnten die hohe Todesrate wegen Krebserkrankungen und die Missbildungen in der Umgebung des Schießplatzes an. Die Tochter eines Anwohners kam ohne Finger an einer Hand zur Welt.

Decimomannu, der größte NATO-Luftwaffenstützpunkt verseucht die Wasserversorgung

Decimomannu im Südwesten von Sardinien ist der größte NATO-Luftwaffenstützpunkt in der Welt. Er wird seit 1954 von Italien, Deutschland, Kanada, den USA und der NATO gemeinschaftlich betrieben.

Der Militärstützpunkt Decimomannu verseucht die Umwelt mit Flugbenzin und anderen Giften. Flugbenzin enthält Xylene, Benzene und Blei, alles sehr stark karzerogene Substanzen. Der Bürgermeister Louis Porceddu verbot im Februar die Benutzung der lokalen Quellen. Die Behörden lehnen jede Verantwortung ab und führen keine Expertisen durch.

La Maddalena / Santo Stefano islands

La Maddalena ist ein Archipel 2 Kilometer nordöstlich von Sardien. Die Bevölkerung schwillt während der Sommermonate von 17.000 auf  74.000 Personen an, weil Touristen die schönen Strände und die lieblichen Wanderwege schätzen.

Zwischen 1972 und 2008 diente die NATO-Base auf der Insel Sankt Stefan als Heimathafen für nukleare U-Boote. Im Jahre 2004 rammte das Nuklear-Unterseeboot U.S.S. Hartford einen Felsen; dabei wurden die Ruderanlage, das Sonar und diverse Elektronik beschädigt. Aber die Einheimischen vermuten, dass ein größerer Schaden auftrat.

Massimo Zucchetti, Professor an der Abteilung für Energie am Turiner Polytechnikum und sein Team analysierten Algen aus dem Archipel. Es wurden radioaktive Alphateilchen und Spuren von Plutonium gefunden, bisweilen in sehr hohen Konzentrationen. Diese Kontamination rührt entweder von kontinuierlichen Leckagen in der U-Boot-Base her oder durch den Unfall der U.S.S. Hartford. Am 20. Januar 2004 meldete die “Schwäbische Zeitung”, dass in den Gewässern in der Nähe der Insel La Maddalena alarmierend hohe Werte von Radioaktivität gemessen wurden.

Untersuchungen und Strafverfolgungen:

Am 12. Mai 2011 hat Staatsanwalt Domenico Fiordalisi den 116 Quadratkilometer großen Schießplatz “Salto di Quirra” beschlagnahmen lassen und Ermittlungen wegen Mordes gegen den ehemaligen Kommandanten eingeleitet. Als einen Grund nennt Fiordalisi Todes- und Missbildungsfälle bei Mensch und Tier innerhalb wie im Umkreis des Sperrgebietes.

Am 24. März 2012 klagte Fiordalisi zwanzig Personen an wegen “vorsätzlicher Vermeidung von Schutzmaßnahmen für die körperliche Unversehrtheit… und bewußter Falschaussagen in Hinblick auf die Verseuchung, um ein Umweltdesaster zu verschleiern”. Die Dokumente von Fiordalisi sind nun an das Strafgericht zur weiteren Bearbeitung des Falles übergeben worden.In Fiordalisis Beschlagnahmeverordnung findet man einen Verdacht gegen die deutsche Rüstungsfirma MBB und die Luftwaffe der Bundeswehr. Es geht um Urangefechtsköpfe. Weshalb Domenico Fiordalisi Kontakt mit deutschen Behörden aufgenommen hat.

Die italienischen Streitkräfte bestreiten dem Staatsanwalt zufolge, Uranmunition verwendet zu haben. In dem Gebiet auf Sardinien führten allerdings auch fremde Truppen und Privatfirmen Tests durch, sagt Fiordalisi.

Der ehemalige Hauptmann auf dem Truppenübungsplatz Giancarlo Carrusci behauptet, 1988 und 1989 seien zu Testzwecken zwei Flugkörper des Typs “Kormoran 2” mit Gefechtsköpfen aus abgereichertem Uran auf Ziele im Meeresteil des Sperrgebiets abgefeuert worden – und zwar von Tornados der deutschen Luftwaffe.

Die Forderungen der Bevölkerung

  • Transparenz und Wahrheit . Aufklärung darüber, welche Chemikalien und Metalle verwendet wurden.
  • Schließung aller Basen und Radarstationen, vollkommene De-Militarisierung der Insel.
  • Dekontamination der Basen und des umgebenden Landes, der Wasserläufe und des Meeres.
  • Gesundheitsversorgung für die gesamte Bevölkerung, welche durch die Militäraktivitäten in Mitleidenschaft gezogen wurde.
  • Bereitstellung von Geld, unverseuchten Boden und Meeresgebieten für Bauern und Fischer.

Quellen:

http://www.taz.de/!74928/

http://www.countercurrents.org/jaccard260612.htm

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