Türkei wirft Frankreich Völkermord in Algerien vor

Wer im Glashaus sitzt…..

Nach der Annahme des Genozid-Gesetzes durch die Pariser Nationalversammlung hat die Türkei im Konflikt den Ton weiter verschärft. Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hat Frankreich Völkermord in Algerien vorgeworfen.
„Es gilt, dass 15 Prozent der Bevölkerung Algeriens seit 1945 von den Franzosen getötet wurden“, sagte Erdogan am Freitag in Istanbul. „Wenn Frankreichs Präsident Sarkozy selbst nicht weiß, dass es Genozid gegeben hat, kann er bei seinem Vater Pal Sarkozy nachfragen, der in den 40er-Jahren als Fremdenlegionär in Algerien war“.
Nicolas Sarkozy rief Istanbul auf, andere Überzeugungen zu akzeptieren. „Ich akzeptiere die Überzeugungen unserer türkischen Freunde. Die Türkei ist ein großes Land und eine große Zivilisation. Sie soll auch unsere Überzeugungen akzeptieren“, sagte er in Prag.

Die Nationalversammlung in Paris hatte am Freitag einem Gesetzentwurf zugestimmt, der für die Leugnung von offiziell anerkanntem Völkermord Strafen bis zu einem einem Jahr Haft oder 45 000 Euro Strafe vorsieht. Dabei handelt es sich unter anderem um die Verbrechen an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915-1917, bei denen rund 1,5 Millionen Armenier ums Leben gekommen waren.

Ankara berief als Reaktion seinen Botschafter in Paris für ungewisse Zeit ab. Die Türkei drohte außerdem, die politischen Kontakte mit Frankreich auf Eis zu legen sowie Sanktionen gegen französische Unternehmen zu verhängen. Das Genozid-Gesetz muss vor dem Inkrafttreten noch vom Senat bestätigt werden [1].

Der Algerienkrieg 1954-62

1954 weitete sich der schwelende Unabhängigkeitskampf Algeriens zum regelrechten Krieg aus. Unmittelbar zuvor hatte sich die französische Armee nach ihrer historischen Niederlage bei Dien Bien Phu aus Vietnam zurückziehen müssen, und nun verlagerte Frankreich den größten Teil der Fremdenlegion nach Algerien, seiner größten und ältesten Kolonie. Während sich die Anschläge der algerischen Unabhängigkeitsbewegung FLN im Jahr 1954 häuften, beschloss die französische Regierung, Algerien – französische Kolonie seit 1830 – auf keinen Fall preiszugeben. Zum erstenmal wurden auch Wehrpflichtige in einer Kolonie eingesetzt, und schon Mitte 1956 standen 500.000 französische Soldaten auf algerischem Boden.

Bis 1962 kämpften 1,7 Millionen Franzosen im Algerienkrieg. Von diesen wurden über 25.000 getötet und 60.000 verwundet, während auf algerischer Seite über eine halbe Million Menschen den Tod fanden. Diesen enormen Zahlen zum Trotz durfte man lange Zeit das Wort “Krieg” offiziell nicht benutzen; man sprach nur von den “Ereignissen in Algerien” oder von der Aufrechterhaltung der Ordnung in den drei algerischen Provinzen. Erst im Oktober 1999 beschloss die französische Nationalversammlung, den Begriff “Algerienkrieg” offiziell zuzulassen [2].

Systematische Folterungen im Algerienkrieg

Die französische Armee hat in Algerien systematisch Folter und Mord gegen ihre Gegner angewandt. Zwei hochrangige Generäle a.D. gaben im  November 2000  in der Tageszeitung Le Monde zu, im Algerienkrieg von 1954 zweiundsechzig Angehörige der FLN, der damaligen algerischen Befreiungsbewegung, gefoltert, misshandelt und liquidiert zu haben.

Der 92-jährige General a.D. Jacques Massu, 1957 Chef der berüchtigten “Paras” (10. Fallschirmspringerdivision), und sein damaliger Stellvertreter, der heute 82-jährige General Paul Aussaresses, damals Leiter des französischen Geheimdiensts in Algier, bestätigten, dass über 3.000 Gefangene, die damals als “verschwunden” galten, in Wirklichkeit exekutiert worden waren. Aussaresses erklärte, Folter und Mord hätten 1957 zum festen Bestandteil der französischen Kriegspolitik gehört. Er brüstete sich, Mittel angewandt zu haben, die auch durch das Kriegsrecht nicht gedeckt waren, seinen Untergebenen den Befehl zu töten gegeben und 24 FLN-Angehörige eigenhändig liquidiert zu haben. Und er sagte: “Ich bereue es nicht.”

Über die systematische Anwendung der Folter in Algerien gab es schon in den fünfziger Jahren zahlreiche Zeugnisse. Bereits vor Ausbruch des offenen Kriegs berichtete die Zeitung L’Observateur im Dezember 1951 über Folterpraktiken in Algerien. 1958 erschien das Buch “La Question” (Die Frage) von Henri Alleg, und 1960 protestierte eine Gruppe von Intellektuellen um Jean-Paul Sartre gegen den Krieg. Ein weiterer Historiker, der die Folter als Bruch mit der liberalen Tradition Frankreichs anprangerte, war Pierre Vidal-Naquet mit seinem Buch “Torture dans la République” (Folter in der Republik).

Dennoch war das Thema seit der Amnestie von 1962 mit einem allgemeinen gesellschaftlichen Tabu belegt. Als die satirische Wochenzeitung Le Canard enchaîné in den achtziger Jahren berichtete, dass der Rechtsradikale Jean-Marie Le Pen als Fallschirmjägerleutnant in Algerien aktiv an den Folterungen teilgenommen hatte, wurde die Zeitung vor Gericht gezerrt und verlor den Prozess in letzter Instanz [2].

Frankreichs Atomtests in Algerien

Die französischen Atomtests in der algerischen Wüste sollen ca. 30.000 Opfer hinterlassen haben. Kein Wunder, hatten doch die atmosphärischen Tests die Sprengkraft von 3 bis 4 Hiroshimabomben, wie der Verband der Veteranen der nuklearen Versuche, AVEN, betont. Diese atmosphärischen Versuche fanden von Februar 1960 bis April 1961 statt. Also mitten im Kalten Krieg – und da wollte die Grande Nation eben um jeden Preis der Welt ihre brandneuen nuklearen Muskeln vorführen. Seht alle her, wir haben jetzt auch die Bombe!

Insgesamt 17 Atomversuche musste Algerien, das noch bis 1962 eine französische Kolonie war, über sich ergehen lassen. 4 davon waren atmosphärisch, die anderen 13 wurden unterirdisch ausgeführt. Der ganze nukleare Zirkus in der Sahara ging noch bis Februar 1966 vor sich. Also auch noch nach der algerischen Unabhängigkeit. Die Franzosen hatten im Gegenzug zur algerischen Unabhängigkeit u.a. das Recht erhalten, 5 Jahre länger zu bleiben, um weiterhin ihre “force de frappe“, wie Präsident de Gaulle sie wünschte, entwickeln zu können. [3].

Staat Anzahl der Atombombenversuche Zeitraum
Volksrepublik China 45 1964–1996
Frankreich 198 1960–1996
Großbritannien 45 1952–1991
Indien 3 1974–1998
Pakistan 2 1998
Nordkorea 2 2006–2009
Sowjetunion 718 1949–1990
USA 1.039 1945–1992
Weltweit 2.052 1945–2009
Atomtests in Algerien: Reggane und Ekker (rot)

In Algerien fanden insgesamt 17 Atombombenversuche der Franzosen statt, davon 4 atmosphärische Tests. Die atmosphärische Tests fanden  65 Kilometer vom Städtchen Reggane entfernt statt, einer noch immer bewohnten Oase – von 2.000 Einwohnern. Hier die  Liste der algerischen Atombombentests[4]:

  1. Date: 16/02/1966
    Original time: 11:00:00 (Universal Coordinated Time)
    Site: Ekker, Algeria
    Type: Underground
    Body wave magnitude: 4.94
    Decimal latitude/longitude: 24.0441/5.0412
  2. Date: 01/12/1965
    Original time: 10:30:00 (Universal Coordinated Time)
    Site: Ekker, Algeria
    Type: Underground
    Body wave magnitude: 5.1
    Decimal latitude/longitude: 24.0437/5.0469
  3. Date: 01/10/1965
    Original time: 10:00:00 (Universal Coordinated Time)
    Site: Ekker, Algeria
    Type: Underground
    Decimal latitude/longitude: 24.0649/5.034
  4. Date: 30/05/1965
    Original time: 11:00:00 (Universal Coordinated Time)
    Site: Ekker, Algeria
    Type: Underground
    Decimal latitude/longitude: 24.055/5.0508
  5. Date: 27/02/1965
    Original time: 11:30:00 (Universal Coordinated Time)
    Site: Ekker, Algeria
    Type: Underground
    Body wave magnitude: 5.8
    Decimal latitude/longitude: 24.0587/5.0311
  6. Date: 28/11/1964
    Original time: 10:30:00 (Universal Coordinated Time)
    Site: Ekker, Algeria
    Type: Underground
    Decimal latitude/longitude: 24.0418/5.0416
  7. Date: 15/06/1964
    Original time: 13:40:00 (Universal Coordinated Time)
    Site: Ekker, Algeria
    Type: Underground
    Decimal latitude/longitude: 24.0666/5.0345
  8. Date: 14/02/1964
    Original time: 11:00:00 (Universal Coordinated Time)
    Site: Ekker, Algeria
    Type: Underground
    Body wave magnitude: 4.52
    Decimal latitude/longitude: 24.0536/5.0523
  9. Date: 20/10/1963
    Original time: 13:00:00 (Universal Coordinated Time)
    Site: Ekker, Algeria
    Type: Underground
    Body wave magnitude: 5.6
    Decimal latitude/longitude: 24.0355/5.0386
  10. Date: 30/03/1963
    Original time: 09:59:00 (Universal Coordinated Time)
    Site: Ekker, Algeria
    Type: Underground
    Decimal latitude/longitude: 24.0433/5.057
  11. Date: 18/03/1963
    Original time: 10:02:00 (Universal Coordinated Time)
    Site: Ekker, Algeria
    Type: Underground
    Body wave magnitude: 4.86
    Decimal latitude/longitude: 24.0413/5.0521
  12. Date: 01/05/1962
    Original time: 10:00:00 (Universal Coordinated Time)
    Site: Ekker, Algeria
    Type: Underground
    Decimal latitude/longitude: 24.063/5.0418
  13. Date: 07/11/1961
    Original time: 11:29:59 (Universal Coordinated Time)
    Site: Ekker, Algeria
    Type: Underground
    Decimal latitude/longitude: 24.0571/5.0521
  14. Date: 25/04/1961
    Original time: 06:00:00 (Universal Coordinated Time)
    Site: Reggan,Algeria
    Type: Atmospheric
  15. Date: 27/12/1960
    Original time: 07:30:00 (Universal Coordinated Time)
    Site: Reggan,Algeria
    Type: Atmospheric
  16. Date: 01/04/1960
    Original time: 06:17:00 (Universal Coordinated Time)
    Site: Reggan,Algeria
    Type: Atmospheric
  17. Date: 13/02/1960
    Original time: 07:04:00 (Universal Coordinated Time)
    Site: Reggan,Algeria
    Type: Atmospheric

[1] http://de.rian.ru/politics/20111223/262330861.html

[2] http://www.wsws.org/de/2001/mar2001/alge-m28.shtml

[3] http://www.heise.de/tp/artikel/32/32297/1.html

[4] http://www.ga.gov.au/oracle/nuclear-explosion-query.jsp

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