Zeitenwende für Damaskus

YPG und syrische Armee bremsen Ankara und protürkische Rebellen aus

STIMME RUSSLANDS Statt Bomben blumige Worte. Die USA loben die Kooperationsbereitschaft der syrischen Regierung bei der Vernichtung ihrer Chemiewaffenbestände.

Hierzulande nähern sich auch Medien wie Spiegel und Bild der Realität in Damaskus an.

Was für eine Nachricht: Es ist noch keine vier Wochen her, da hat US-Außenminister John Kerry für militärische Angriffe auf Syrien geworben.

Heute würdigt der Chef des State Department überschwänglich die Führung des lange dämonisierten Landes. Der Prozess der Zerstörung des Giftgasarsenals habe „in Rekordzeit“ begonnen, stellt Kerry ohne Not fest. Damaskus halte sich an die Abmachungen. Es sei „ein guter Anfang“, dass nur eine Woche nach Verabschiedung der entsprechenden UN-Resolution die ersten Chemiewaffen zerstört worden seien.

Das positive Votum aus Washington deckt sich mit den Berichten internationaler Experten in Damaskus. Mittlerweile haben die Syrier unter UN-Aufsicht erste Raketensprengköpfe, Bomben und Ausrüstung zum Mischen und Abfüllen von Chemikalien unschädlich gemacht. Die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen, die den Einsatz gemeinsam mit der UNO leitet, erklärt, die syrische Regierung verhalte sich „kooperativ“, die Gespräche mit den Behörden seien „konstruktiv“.

Und dann auch noch das. Nach einer Reihe von Interviews in internationalen Medien hat Syriens Präsident Baschar Al-Assad auch Reporter des Spiegel zum Gespräch eingeladen. Hat das Magazin den „Diktator“, „Despoten“ und „Tyrannen“ bis dato für den Krieg in seinem Land allein verantwortlich gemacht, ist da nun erstmals vorsichtig relativierend zu lesen, Syriens Präsident trage „zumindest eine erhebliche Mitschuld“ an der Flucht von Millionen Menschen und weit mehr als 100.000 Toten. Der Spiegel staunt nicht schlecht: „Assad wirkte offen, selbst für schwere Anschuldigungen.“ Und die bringt der Spiegel vor, am laufenden Band spielen die Reporter Richter. Doch Assad gibt nicht den Angeklagten, er wird zum Aufklärer.

„Ist es für Sie nicht irritierend, dass wir im Westen die Lage so völlig anders beurteilen als Sie?“ will der Spiegel wissen. Der syrische Präsident antwortet „ruhig, leise, druckreif“: „Wissen Sie“, sagt Assad, „Ihre Region erfasst die tatsächliche Lage stets zu spät. Wir sprachen schon von gewaltsamen Protesten, da waren Sie noch bei ‚friedlichen Demonstranten’.

Als wir von Extremisten sprachen, waren Sie bei ‚einigen Militanten’. Als Sie dann von Extremisten sprachen, redeten wir schon von al-Qaida. Dann sprachen Sie von ‚einigen wenigen’ Terroristen, während wir bereits sagten, dass es sich um eine Mehrheit handelt. Jetzt erkennen Sie, dass es immerhin fünfzig-fünfzig steht.“ Fakt sei, so Assad weiter, „was der Westen in den vergangenen zehn Jahren an politischen Entscheidungen getroffen hat, hat Al-Qaida befördert. Aufgrund dessen haben wir hier Al-Qaida, mit Kämpfern aus 80 Nationen. Es sind Zehntausende Kämpfer, mit denen wir es zu tun haben. Und damit meine ich nur jene, die von außerhalb kommen.“

Reisen bildet, sagt der Volksmund. Und so berichten die Spiegel-Reporter aus der „belagerten Stadt“ Damaskus: „Einige Tage in Syriens Hauptstadt verändern das Bild dieses Krieges, denn die Menschen von Damaskus betrachten diesen Krieg anders als der Westen; sie wollen bewahren, was sie haben.“ Für die im Westen vielgelobten Aufständischen haben die Syrer nichts übrig.

„Beim Abendessen mit Politikern und Professoren oder bei Gesprächen in den Gassen der Altstadt sagen alle, ohne Ausnahme“, betont der Spiegel, „dass sie die Rebellen fürchten. Weil mit den Rebellen die Fundamentalisten kämen.

Und mit den Fundamentalisten die Scharia. Alle Gesprächspartner erzählen, dass sie dem Westen nicht trauen, weil er zu schlicht denke und moralische Ansprüche stelle, die er selbst nicht erfülle; und die meisten sagen, dass sie nicht Assad stützen, aber ihr freies Leben erhalten wollten. ‚Seht euch an, was in Ägypten und Libyen passiert’, sagt einer.“ So beantworte sich auch die Frage, wie sich Assad so lange halten konnte.

Die Frage beantwortet auch Bild. Der Kriegsreporter des großen Boulevardblatts ist am Wochenende Zeuge eines tödlichen Granaten-Angriffs auf das christliche Viertel von Damaskus geworden. „Acht Tote meldet das Regime, fünf sehe ich mit eigenen Augen“, schreibt er von der neu ausgemachten Front. Der Bürgerkrieg werde zunehmend eine Bedrohung für die knapp zwei Millionen Christen in Syrien. „Wenn Assad stürzt, werden sie uns alle umbringen, so wie sie es heute wieder versucht haben“, sagt eine 35jährige, die mit Verletzungen ins Krankenhaus kommt. Bild klärt auf: So denken viele Christen in Syrien. Vermutlich Hunderttausende Christen seien bereits ins Ausland geflüchtet. „In anderen Teilen des Landes haben al-Qaida-Terroristen Kirchen erobert, angezündet, auf den Dächern ihre schwarze Fahne gehisst“, ist weiter zu lesen.

„Wie leben Sie mit dieser Schuld, Herr Assad?“, fragt der Spiegel auf seinem aktuellen Titelbild. Wie leben Sie mit dieser Schuld, Herr Obama und Herr Kerry, Herr Hollande und Herr Cameron, den Terror in Syrien durch Waffenlieferungen an die Aufständischen, durch Ausbildungsprogramme und Geheimdiensthilfe befördert zu haben? Auch sie tragen „zumindest eine erhebliche Mitschuld“ an der Flucht von Millionen Menschen und weit mehr als100.000 Toten.

Assad übrigens hat das Gespräch ohne jede Änderung frei gegeben – auch das eine Überraschung für die versierten Medienschaffenden aus Deutschland. Politiker in Berlin sind da komplizierter, so der Spiegel.

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